In meiner letzten Kolumne habe ich bereits etwas über Kindheitswunden und deren Auswirkung auf das Muttersein geschrieben. Heute möchte ich etwas tiefer gehen und konkret teilen, welche Schritte mir gerade am meisten helfen, diese Wunden nicht weiter in mir zu tragen und noch viel wichtiger, nicht an meine Töchter weiterzugeben.

Liebevolle Grenzen

Innere Kind Arbeit hat mich jetzt schon einige Jahre begleitet, aber ich muss ehrlich sein, ich habe meist nicht intensiv praktiziert, was ich darüber wusste. Wenn ich mich fragte, warum, kam als Antwort meist nur eine diffuse Angst, dass das Kind dann die Kontrolle übernimmt und die Gefühle alle viel zu groß werden könnten. Auch wenn ich theoretisch viel über innere Kind Arbeit weiß, und Andere bereits dazu angeleitet habe, habe ich einen der wichtigsten Punkte dabei nicht wirklich für mich begriffen: Auch mein inneres Kind braucht liebevolle Grenzen. Wenn ein Kind ein fahrendes Auto steuert, kann das wirklich katastrophal enden. Weder im Fahrersitz noch im Kofferraum oder ganz allein draußen gelassen geht es dem Kind gut.

Ein wichtiges Grundbedürfnis

So sehe ich das auch mit dem Inneren Kind in mir. Es war lange nicht sichtbar oder hörbar, es hat ab und zu irgendwo gepocht und wenn es raus konnte, war es kaum zähmbar. Kein Wunder, dass ich mir angewöhnte es so lang wie möglich versteckt zu halten, um die Kontrolle zu bewahren. Irgendwie hatte ich das falsche Verständnis von meiner eigenen inneren Kind Arbeit, dass das Kind im Zuge dessen aus seinem Versteck kommt und ans Steuer kommt, ich zuschaue und es wild und frei sein lasse. Letztens sagte mir eine Erziehungsberaterin: „Ein sehr wichtiges Grundbedürfnis von Kindern sind Grenzen.“ Das war sehr wichtig für mich zu hören, weil ich mich damit nicht so leicht tue. Allgemein Grenzen zu setzen. Weder meinen Kindern gegenüber, noch anscheinend meinem inneren Kind gegenüber.

Traurigkeit statt Wut

Letztens habe ich einen langen Brief an meine Mutter geschrieben, frei aus dem Herzen. Alles, was ich ihr nie direkt sagen konnte, aus Angst sie könnte es falsch aufnehmen und es könnte sie belasten. Es tat wirklich gut, alles von der Seele zu schreiben. Es war aber auch sehr aufwühlend und emotional. Über ein halbes jähr lang blieb es verborgen in meinem Journal und keiner bekam es zu Gesicht. Letztens jedoch hatte ich den dringenden Impuls den Brief mit zur Therapie zu bringen. Ich wollte es endlich aussprechen, ich wollte klagen, toben, wüten. Alles, von dem ich immer so Angst hatte, es rauszulassen.
Ich sah die Therapie als geeigneten, sicheren Ort dafür und ich las den Brief tatsächlich meiner Therapeutin vor. Doch statt Wut und Frust, kam einfach nur tiefe Traurigkeit zum Vorschein. Damit hatte ich nicht gerechnet und ich wollte mich dann einfach hinlegen und der Traurigkeit Raum geben. Also nahm ich dieses Bedürfnis meines inneren Kindes ernst, ich besprach es mit meiner Therapeutin und legte mich in Embryohaltung hin, deckte mich zu und trauerte einige Minuten lang.

Eine wichtige Lektion

Es war intensiv, aber es dauerte gar nicht so lange, da war es so als würde ich aus einem Schlaf erwachen und ich wollte unbedingt eine gesunde Entscheidung für mich treffen. Plötzlich kam das Bedürfnis, eine stützende Hand auf dem Rücken zu spüren. Jemand der einfach da ist, mich und meine tiefen Gefühle sieht und sie einfach aushält. Kommentarlos, ohne ablenken, helfen, retten oder lösen zu wollen. Ohne Überforderung und Schuldzuweisung. Ich rang ein paar Augenblicke mit mir, ob ich das meine Therapeutin fragen konnte, aber kam dann zum Schluss: warum eigentlich nicht? Und tatsächlich hatte sie parallel das Bedürfnis gehabt, mir die Decke höher um die Schultern zu legen und hatte auf ein Signal von mir gewartet. Gott hat also wieder so tief und intensiv gewirkt, dass es einfach so gut gepasst hat in dem Moment. Also kam sie und legte ihre Hand ganz ruhig auf meinen Rücken und ich nahm es wahr. Ich trauerte nicht mehr, ich atmete nur tief. Seufzte ein paar Mal und verstand:
Ich hatte es geschafft meinem inneren Kind Raum zu geben, um zu fühlen, hatte als Erwachsene das Bedürfnis benannt und eingefordert. Genau das war es, was ich als Kind nicht konnte. Ich war nicht eingenommen von all den verdrängten Gefühlen vor denen ich so viel Angst hatte. Ich merkte, dass ich viel stärker war als ich geglaubt hatte und ihnen gar nicht hilflos ausgeliefert war. Die gesunde, liebevolle Grenze war es zu sagen, so und jetzt kannst du aktiv etwas gegen diese Traurigkeit und Einsamkeit tun: werde aktiv, traue dich, frage nach, nimm Hilfe an. Das war eine so unfassbar wichtige Lektion für mich.

Ich bin für meine Kinder da

Was ich daraus für meine Mutterschaft mitnehme ist, genau dieses Bedürfnis bei meinen Kindern wahrzunehmen. Ruhig und mitfühlend da zu sein, meine Hand als Stütze anzubieten. Ihnen mitzuteilen, dass ich da bin, auch wenn die Gefühle groß sind. Dass ich sie mit Allem was kommt aushalte und sie nicht im Stich lasse. Dass ich selbst stabil bleibe und mich nicht in Stress versetzen lasse, wenn Gefühle aufkochen und unkontrollierbar erscheinen. Diese Hand auf dem Rücken – auch symbolisch gesehen – ist so heilsam und wir als Mütter können unseren Kindern zeigen, dass sie dieses Bedürfnis gestillt bekommen können. Auch wenn wir nicht da sind oder keine Therapeutin das nachholen kann, dann können wir diese Hand immer von Gott annehmen. Wir können eine endlose unerschöpfliche Liebe anzapfen und wir sind es wert, egal mit welchem Ballast wir ankommen. Das wirklich zu verstehen und vor allem anzunehmen, das kann ich jetzt langsam erst richtig in der Tiefe, durch die intensive innere Kind Arbeit.

Fragen:

  • Welche Erfahrungen hast du mit innerer Kind Arbeit gemacht?
  • Vor welchen großen Gefühlen hast du Angst?
  • Welches Grundbedürfnis möchte tief in dir gestillt werden?