Wie ich Christ wurde – Teil 1

Hallo, schön, dass du wieder da bist! Willkommen zurück zu Zuflucht. Schon vor ein paar Wochen war mir irgendwie klar, worüber ich mal schreiben soll: „Wie ich Christ wurde”, mit allen Gedanken, Gründen und Abgründen. Das sind natürlich meine individuellen Erfahrungen, Gedanken und Empfindungen. Vielleicht machen sie dich aber neugierig oder schenken dir eine neue Perspektive. Vielleicht helfen sie dir aber auch andere besser zu verstehen. Weil ich eine Menge Details einbauen möchte und versuchen will, die Geschichte und meine Gedanken so nachvollziehbar wie möglich zu gestalten, teile ich sie in 2 Ausgaben.

Wie man sich jetzt schon denken kann, bin ich nicht christlich aufgewachsen. Ich komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Halle und hatte in meinem Leben so gut wie gar keine Berührungen mit Religionen, auch nicht mit dem Christentum. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann mal meine Mama gefragt habe, wer Gott ist. Sie hat gesagt, dass Gott jemand ist, an den Leute glauben, die mit ihrem eigenen Leben sonst nicht klarkommen und dass es ihn gar nicht gibt. Das hab ich so hingenommen. Ich war zwar enttäuscht über diese Ernüchterung, legte das Thema aber innerlich beiseite.

In der Schule habe ich den Ethik-Kurs belegt, so wie 80% meiner Mitschüler. Die Leute aus dem Reli-Kurs wurden immer ein bisschen schief angeguckt, mehr darüber nachgedacht habe ich eigentlich nie.

In meinem Dorf gab es außerdem eine Familie mit sechs Kindern, der Sohn war in meinem Alter. Wir haben gemeinsam gespielt, waren zusammen unterwegs aber manchmal habe ich mich gefragt, was bei ihnen los ist, denn manchmal waren sie einfach anders. Am deutlichsten war es mir zu Halloween. Alle sind gemeinsam losgezogen nur die Familie fehlte. Ich war ein bisschen sauer auf die Eltern und verstanden habe ich es erst recht nicht.

Auch zu meiner Jugendweihe erinnere ich mich an einen Moment, als wir vor dem Saal standen und darauf warteten hineinzugehen. Ich habe mir alle Leute angeschaut und festgestellt, dass in jeder Klasse ein paar wenige Leute fehlen. Warum das so war, wusste ich nicht. Es hieß nur, sie wollen keine Jugendweihe feiern. Dass etwas anderes als Jugendritus existieren könne, war völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft irgendwie. Ich habe einfach nicht verstanden, warum man sich die Feier und das geschenkte Geld entgehen lässt.

Ob ich zu der Zeit eine eigene Vorstellung von etwas Transzendentem besessen habe, weiß ich nicht mehr. Als ich älter wurde, war mir aber klar, dass es „etwas gibt“, was außerhalb unserer Welt existiert. Darüber geredet habe ich nie aber ich habe mir Gott vorgestellt wie einen Schriftsteller, der irgendwo sitzt und mit einer Feder auf Pergament unsere Geschichten schreibt. Da war ich vielleicht 16.

Als ich gerade 18 geworden war und mein Abi frisch in der Tasche hatte, kam die ersehnte Zusage der Uni Halle und ich habe mein Studium begonnen. Nach ca. 4 Wochen habe ich dann jemanden in meinen Englisch- und Deutschkursen kennengelernt, der mir heute noch sehr am Herzen liegt: meine Freundin Ester. Ester hatte damals einen Jane Austen-Klub gegründet und ein paar Mädels zu sich eingeladen, um Filme zu gucken. Beim zweiten Treffen war ich dann dabei. Das Treffen war ganz gut – ehrlich gesagt kann ich mich kaum erinnern. Aber ich weiß noch ganz genau wie es war, als ich Esters Zimmer zum ersten Mal betreten habe. Mein Blick fiel direkt auf einen Bilderrahmen in ihrem Regal. Darin war ein Bild mit einem Bibelvers. Ich hatte direkt einen Kloß im Hals und wollte nur noch weg. Wo war ich hier hingeraten? Was will sie von mir? Im Nachhinein ist mir die heftige Reaktion ein Rätsel aber vermutlich war es einfach Angst vor etwas Unbekanntem.

Wir haben uns aber super verstanden, haben uns zu zweit öfter getroffen (der Jane Austen-Klub ist irgendwie im Sande verlaufen) und mit einer dritten Freundin eine tiefe Freundschaft aufgebaut. Bis zu einem gewissen Grad hat das immer noch funktioniert ohne das Thema Glaube mit reinzubringen aber irgendwann ging es nicht mehr ohne. Ich bin damals noch von meinem Elternhaus zur Uni gependelt und wenn es mal spät wurde, habe ich bei Ester übernachtet. Manchmal auch von Samstag auf Sonntag und dann ist Ester früh aufgestanden und zur Gemeinde gegangen. Bei mir entstand völlige Verwirrung. Erstmal: der Begriff Gemeinde war für mich lediglich der Verwaltungsort im Dorf. Da musste ich erstmal verstehen, dass sie „Kirche“ meint. Dann habe ich mich gefragt wie jemand normal sein und rational denken und gleichzeitig Christ sein kann. Das habe ich in meinem Kopf nicht zusammenbringen können.

Eines Sonntagmorgens fragte mich Ester: Willst du mitkommen? Ich habe mich sowieso so gefühlt als würde ich ihre Gastfreundschaft überstrapazieren und hatte Angst nein zu sagen. Also habe ich zugesagt und das erste Mal einen Gottesdienst besucht. Es einen Kulturschock zu nennen, wäre untertrieben. Während des Gottesdienstes hakte ich innerlich alle Klischees ab, die ich über Christen kannte. Alle machen, was der Pastor sagt, die Bibelverse klingen alle ziemlich überholt und zur Krönung geben sie auch noch ihr Geld hin. Nur die Musik hat mich irritiert. Irgendwie wusste ich nicht, dass der christliche Glaube mit Musik einhergeht und man im Gottesdienst singt. Danach kamen einige Leute aus der Gemeinde auf mich zu und fragten mich, wer ich sei und wie es mir geht. Ich war völlig überfordert und habe mich nur gefragt, was sie von mir wollen und warum sie so nett zu mir sind – sie sind ja schließlich fremde Leute.

Ester und Katrin, die dritte in unserem Bunde, haben es geliebt zu diskutieren. Ich nicht so. Aber anderen dabei zuzuhören, fand ich immer spannend. Natürlich haben sie auch über den Glauben diskutiert. Katrin war katholisch sozialisiert und hatte viele Fragen und Bedenken an Esters Glauben. In diesen Diskussionen erinnere ich mich noch oft an Erkenntnisse wie „Ah, daran glaubt sie auch“ oder „ach so ist das“. Eine Weile und einige Gottesdienstbesuche später begann mein Praktikum an der Schule meiner Mama. Eines vormittags saßen wir im Lehrerzimmer, als der Pfarrer hereinkam, der den Religionsunterricht an der Schule durchführte. Er hatte einen neuen Karton Bibeln dabei und fragte uns, ob wir welche haben wollen würden. Ich wollte früher immer alle 3 Schriften lesen: die des Christentums, die des Islams und die des Judentums. (Ja, mir war überhaupt nicht klar, dass Judentum und Christentum miteinander zusammenhängen und ja, ich dachte, es gibt pro Religion eine heilige Schrift.) Jedenfalls habe ich zugegriffen und meine erste Bibel geschenkt bekommen. Weil ich ja eh schon Berührungspunkte mit dem Thema hatte und Ester einfach nicht verstehen konnte, habe ich beschlossen einfach mal nachzulesen. Also hatte ich das erste Mal eine Bibel in der Hand, war völlig überfordert mit den Einteilungen: Altes Testament, Neues Testament, Bücher, Briefe, hä? Was macht man dann? Richtig, googlen!

Ich habe also gegooglet: „Wo anfangen Bibel lesen“. gutefrage.net sagte beim Neuen Testament. Dann habe ich also angefangen zu lesen, kaum etwas verstanden aber fand es eigentlich interessant. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich das Neue Testament durch. Ungefähr zur gleichen Zeit bin ich mit Ester nach London geflogen. Es war ein cooler Trip und wir hatten 5 Tage Zeit. Auch an einem Sonntag waren wir da und Ester sagte zu mir: Ich möchte in eine Gemeinde gehen, die nennt sich Hillsong. Ich dachte: Okay, machen wir das. Wird schon ganz in Ordnung sein.

Ich hatte ja keine Ahnung was mich erwartet: ein Theatersaal, gedimmtes Licht, hunderte Menschen und eine Show, die mich völlig überrumpelt hat. Größtenteils war es mir unheimlich aber eine Sache ist hängengeblieben. Irgendwann beim Lobpreis sagte der Sänger, dass er mit 18 Christ geworden sei und, dass man sich denn heute entscheiden könne, Gott kennenzulernen. Ich war, mal wieder, völlig verwirrt. Ich dachte, man wächst christlich auf. Sich im Nachhinein entscheiden geht? Das machen Leute? Auf jeden Fall dachte ich: Wenn es dich gibt, Gott, hab ich nichts dagegen dich mal kennenzulernen – ganz unverbindlich.

Der Urlaub ging vorbei, wir waren wieder zuhause, ich ging ein paar Mal mit in die Gemeinde, die Diskussionen gingen weiter und ich googlete, was das Zeug hält. Mir war es unangenehm Fragen zu stellen, also googlete ich alle Fragen, die ich hatte. Irgendwann wurde mein Besuch in der Gemeinde Regelmäßigkeit. Ich genoss es irgendwie. Gott war mir immer noch fremd. Das Verhältnis Gott-Jesus hab ich auch null verstanden: Ist das jetzt das Gleiche? Warum beten Leute mal zu dem, mal zu dem anderen? Warum gibt es zwei? Und das mit dem Heiligen Geist war mir sowieso suspekt. Aber ich fand es schön da.

Eines Tages saß ich mit einer Freundin aus der Schule im Enchilada, als mich eine Nachricht erreichte, deren Schlagkraft mir irgendwie direkt bewusst war. Ester fragte mich: Sag mal, du kommst ja jetzt mit in die Gemeinde. Ich wollte dich mal fragen, was du denkst. Also, denkst du es ist alles Quatsch oder was meinst du?

In zwei Wochen könnt ihr in der nächsten Ausgabe nachlesen, wie es weiter ging.

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