Werde, der du bist.

Willkommen zurück zu Zuflucht! Irgendwie geistert mir seit Tagen im Kopf, worüber ich schreiben möchte. Und ich habe das Gefühl, es ist nichts Neues. Aber vielleicht muss es das auch nicht sein. Jedenfalls ist mir in den letzten zwei Wochen einiges bewusst geworden, so dass sich in meinem Kopf immer mehr Teile zusammensetzen und ich mich selbst verstehen lerne.

Feststellung: Ich bin manchmal anders und war das auch schon immer. Anders verlangt ja eine Bezugsgröße. Deswegen ist das hier nicht so wissenschaftlich, wie es anmutet. Ich mach’s mal konkret: Als ich im Kindergarten war und alle Kinder miteinander gespielt haben und sich die Zeit vertrieben haben, lag ich wochenlang auf einer Wiese und habe vierblättrige Kleeblätter gesammelt und nachgedacht. In dem Moment war das für mich schön. Ich wollte für mich sein und die Menschen und die Spiele im Kindergarten fand ich nicht interessant.

In der Schule dann, vor allem als Teenie, war ich nicht besonders beliebt. Ich wurde nicht gemobbt oder so. Aber ich war immer eher unsichtbar. Wenn ich durch irgendwas aufgefallen bin, dann durch mein Lachen. Ich hatte irgendwie andere Interessen als die anderen. Habe lieber gelesen und unfassbar viel Zeit alleine verbracht. Eins war zu der Zeit aber anders als im Kindergarten. Ich habe festgestellt, dass ich anders war und ich habe es gehasst. Abgrundtief gehasst. Ich wär mich so gern selbst losgeworden aber das funktioniert nunmal schlecht. Also habe ich mich – wie ich erst neulich festgestellt habe – selbst bestraft.
Wenn ich schon komisch bin, dann kann ich auch komische Sachen tragen, habe ich mir gedacht. Also habe ich extra nur recht sackige Kleidung getragen, habe keine modern geschnittenen Hosen getragen und mir altmodische Schuhe gekauft. Das passte ja dann zusammen, hab ich mir eingeredet.

Solche oder so ähnliche Denkmuster fallen mir im Rückblick so häufig auf.

Eigentlich war mein Leben bis zum jetzigen Zeitpunkt davon geprägt möglichst normal zu werden. Sei doch einfach normal, Marie! Was ist daran so schwer?!

Als ich angefangen habe zu studieren, gab es besonders in der Germanistik die Unterscheidung in die normalen (die coolen) und die Streber (irgendwelche verrückten, die über jedes philosophische Problem Bescheid wussten). Also hab ich mich zu den Normalen angepasst. Als ich Christ geworden bin, sind mir vor allem Leute begegnet, die nicht unbedingt meine eigentlichen Interessen teilen – gar nicht schlimm! Aber ich habe mich angepasst und verdrängt, was ich eigentlich wollte.

Alles war und ist darauf gemünzt möglichst normal zu sein. Möglichst nicht Ich zu sein.

Am liebsten würde ich jetzt auf mir rumhacken und mich weiter dafür kritisieren, aber am Ende frage ich mich: Warum? Bestätigung. Am meisten Bestätigung bekommt man in der Mitte einer Gruppe, als Mitglied des Kerns. Je mehr du vom Ideal der Gruppe abweichst, desto verletzlicher machst du dich und desto gefährlicher ist es. Also hab ich mich angepasst. Und wenn das nicht geklappt hat – wie in der Schule – dann hab ich mich eben bestraft.

Das klingt jetzt als läge das alles in weiter Vergangenheit, aber, wenn ich ehrlich bin, dann habe ich die letzten 3 Jahre jeden Abend damit verbracht mich möglichst nicht mit mir selbst zu konfrontieren. Serien, Sendungen, Dokus, gern mal ein Glas Wein,.. alles nur, um mir selbst nicht zu begegnen. Das ist so paradox, wenn ich darüber nachdenke, dass ich unheimlich viel Zeit allein verbringe, aber eben nicht mit mir selbst. Als würde ich bei einem Treffen mit mir nur aufs Handy schauen und mein Gegenüber ignorieren.

Das tut mir so leid. Ich tue mir selbst leid! Und das meine ich ernst.

Was war denn jetzt die Erkenntnis, von der ich am Anfang sprach?

Nur, weil ich manchmal seltsam bin – und ich habe das Gefühl, ich komme mir selbst am seltsamsten vor – heißt das nicht, dass ich nicht so sein darf und kann und mich dann niemand akzeptiert. Vielleicht gibt es Leute, die kommen damit nicht klar, aber es geht um mein Leben.

Das ist MEIN Leben. Ich habe keine zweite Chance und ich habe auch keine Rechenschaft gegenüber irgendwem abzulegen außer natürlich Gott selbst. Das klingt jetzt sehr nach Selbstverwirklichung, aber ich glaube, dass das höchst christlich ist. Gott hat mir ja nicht ohne Grund bestimmte Gaben, Interessen, Fähigkeiten gegeben, sondern damit ich sie nutze. Indem ich mich selbst ignoriere und sch**ße finde (entschuldigt den Ausdruck!), ehre ich doch auch meinen Schöpfer nicht, oder?

Wie komme ich darauf? Ich habe mich ja die letzten Monaten mit Erwartungen anderer, Erwartungen meiner selbst und so weiter auseinandergesetzt. (Das meiste könnt ihr übrigens hier nachlesen.) Und irgendwann zwischendurch habe ich angefangen, Dinge zu tun, einfach weil ich wollte. Ohne Sicht darauf, wie andere sie sehen würden. Einfach nur so. Ich will malen – sch**ßegal, ob jemand es gut findet, ich werde malen! Ich will Germanistik weiter studieren – mach ich! Ich werde der absolute Ober-Streber in meinem Studium – na und?! Ich lese abendelang Klassiker – geil! Und wisst ihr was, ich finde mich gar nicht dumm oder langweilig oder spießig oder Möchtegern, sondern Ich.

Zu werden, wer ich bin. Warum bin ich da nicht schon viel eher drauf gekommen? Das heißt ja nicht, jemand anders zu sein, sondern einfach Ich. Echter, unperfekter, begeisterter. Und wisst ihr was? Ich habe gar nicht mehr das Bedürfnis, mein Gehirn abzuschalten, sondern es anzuschalten und zu erforschen und zu sehen, wo es hingeht. Weil ich es mir erlaube und weil es gut ist.

„Werde, der du bist“ wird als DIE Philosophie Hermann Hesses genannt. Wie konnte ich das in all meiner Selbstgeißelung überlesen. Es klingt so kindisch, so naiv, zu denken, ich könnte mir selbst entkommen. Wie viel schöner ist es, in den Spiegel schauen zu können und sagen zu können: Ich bin stolz auf dich, lass uns gemeinsam die Welt erkunden!