Stunde Null

Hallo und herzlich willkommen zurück zu Zuflucht. Ich freue mich, dass du dabei bist!

An mir selbst freue ich mich gerade nicht so sehr. Ich habe Scheiße gebaut.

Ich habe ja schonmal davon geschrieben, dass mir eine bipolare Störung diagnostiziert wurde und ich nun Medikamente nehme, um mich zu stabilisieren.

Dass diese Medikamente die Wirkung von Alkohol verstärken können, wusste ich. Wie genau das ist, wusste ich nicht. Ich war trotzdem feiern, habe ziemlich viel getrunken und jetzt weiß ich Bescheid. Ich kann mich ab dem Moment, wo die Wirkung der Tablette einsetzt, an nichts mehr erinnern. Ich war im Krankenhaus und wurde den nächsten Morgen entlassen. Und mir geht’s so dreckig damit. Ich habe mir Unmengen an Vorwürfen gemacht. Dass ich unverantwortlich bin, dass ich nur Fehler mache. Ich könnte ewig weiter schreiben. Fakt ist: Ich habe einen Fehler gemacht. Fakt ist auch, dass ich nicht wusste, was die Tabletten bewirken würden. Jedenfalls bin ich zutiefst enttäuscht von mir selbst.

Das soll jetzt hier aber kein Selbstmitleidsanfall werden, denn eben wegen diesem Vorfall habe ich endlich meinen Eltern von der Diagnose erzählt. Ich war auch ein wenig dazu genötigt, aber ich weiß nicht, wann ich es sonst erzählt hätte.

Jedenfalls war es ein Riesen Glück im Unglück. Es ist passiert, wovon ich am meisten Angst hatte. Meine Familie weiß Bescheid. Ich hatte solche Angst vor diesem Moment. Nicht, weil ich mich geschämt habe, sondern weil ich ihnen das Leid, die Sorgen und alles ersparen wollte.

Und dann lag ich vorgestern bei meinen Eltern Zuhause auf dem Sofa und musste mich ergeben. Ich habe mich gebrochen gefühlt und zutiefst gedemütigt. Ich konnte nicht alleine weiter. Und hilflos habe ich dabei zugesehen, wie tiefe Ängste meiner Eltern wahr geworden sind und sie von Schock über Trauer und Panik langsam zur Akzeptanz gekommen sind.

Ich wollte meine Eltern damit nicht konfrontieren und gerne hätte ich ihnen ihre Emotionen verboten, aber das darf ich nicht. Es geht sie genauso an wie mich. Ich muss ihnen auch ihre Trauer lassen. Sie verstehen mich jetzt besser. Sie können im Nachhinein mein Verhalten verstehen. Alles ist offenbar geworden.

Ich bin noch immer völlig überfordert damit. Keine Ausreden mehr, warum ich so langsam bin beim Studieren. Kein Cool-Spielen und egoistisch klingen, um zu überdecken, wenn ich nicht spontan sein kann oder nicht planen kann. Ich fühle mich nackt. Aber natürlich auch irgendwie im Guten. Meine Mauern zum Schutz von anderen und mir sind weg. Es fühlt sich an wie Stunde Null.

Jetzt müssen wir anfangen aufzuarbeiten, was gewesen ist und was noch kommen wird. Das wird kein einfacher Weg und gerne hätte ich das allen erspart, aber ich kann ja auch nichts dafür. Ich stehe wie vor einem Scherbenhaufen. Als hätte sich bis Samstag mein gesamtes Leben immer zugespitzt und Samstag Nacht ist das Glas gesprungen und plötzlich ist alles durcheinander. Ich weiß nicht so ganz wo ich stehe und ich weiß auch nicht so ganz was jetzt kommt und ich habe schreckliche Angst davor.

Aber alles wird gut werden. Gott ist bei mir. Meine Familie und Freunde sind bei mir und das wird gut werden.

Viel hab ich nicht mehr zu sagen. Ob ich dir hiermit irgendwie helfen kann, weiß ich auch nicht. Vielleicht hast du auch Geheimnisse, um andere zu schützen. Das bringt nichts. Tut mir leid, das so sagen zu müssen. Vielleicht habe ich das auch nur für mich geschrieben. Jedenfalls bin ich unendlich dankbar, dass mir körperlich nichts Schlimmes passiert ist und dass alles so gut gegangen ist.

Ich glaube immer noch daran, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten dient und obwohl ich es nicht verdient habe, ist auch hier alles gut geworden oder wird gut werden. Danke!

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