Hat die Welt Gott überwunden?

Willkommen zurück zu Zuflucht? Wieder sind zwei Wochen um – die Zeit fliegt.

Heute wird es etwas theologischer, ganz einfach weil ich mich die letzten Wochen auf Prüfungen vorbereitet habe und mich der Inhalt auch außerhalb davon sehr beschäftigt. Vielleicht Fluch und Segen von Theologie?

Jedenfalls rede ich von Systematischer Theologie. Hier hatte ich eine mündliche Prüfung zu einer Vorlesung, von deren drei Schwerpunkten ich mir einen aussuchen konnte. Ich habe die Ekklesiologie, also die Lehre von der Kirche, gewählt. Ich fand das Thema zunächst langweilig aber je länger ich mich damit beschäftigt habe, desto vielschichtiger wurde es und immer neue Ebenen haben sich mir eröffnet.

Ich bin besonders über Bonhoeffer gestolpert. Aber nicht über sein Werk „Nachfolge“ oder seine frühen Schriften, sondern über seine Theologie im Gefängnis. Wir haben uns nur Ausschnitte angeschaut und ich habe auch nach langem Suchen nur so wenig herausfinden können, dass ich unbedingt die Briefe selbst lesen will. Was ich aber bisher verstanden habe, ist folgendes:

Bonhoeffer hält die Welt für mündig, so wie sie ist. „Welt“ ist dabei, denke ich, sowohl als die allumfassende Welt, aber auch als „profane“ (=nicht-heilige), eben nicht-religiöse Welt zu verstehen. Er betont, dass die heutige Welt zeige, dass ein Leben ohne Gott geht. Es ist möglich ein Leben ohne jeden Bezug zum „Übersinnlichen“ zu führen. Klar.

Was ändert das aber an der Theologie wie wir sie oft lehren/denken/predigen? Ich denke, dass hier das erste Mal Nicht-Gläubigen Menschen zugestanden wird, dass sie nicht unvollständig sind. Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht aber ich finde, wir predigen oft so, als seien die Menschen alle blind und taub und würden wie kopflose Hühner umherlaufen bis wir, nette Christen, ihnen dazu verhelfen, zu sehen und zu hören und ihr Leben zu ordnen. Aber das ist nicht so. Es ist vollkommen möglich ein gutes Leben zu führen, ohne die Existenz eines Gottes anzunehmen. Ich habe es 18 Jahre lang ausprobiert. Und so schrecklich war es jetzt auch nicht.

Als ich getauft wurde, waren meine Eltern im Gottesdienst zu Besuch. In der Predigt ging es um „Probleme mit Gott lösen“. Ich persönlich fand die Predigt ausreichend bis meine Eltern zu mir sagten: „Also das, was er da erzählt hat, das können wir auch ohne Gott.“ Und sie hatten Recht!

Seit Menschen gedenken, haben sie alles das, was sie nicht verstanden haben, auf etwas Übersinnliches projiziert. Sterne, Naturphänomene,.. Da ist es kein Wunder, dass wir in einer Welt, in der wir das alles mit Naturwissenschaften erklären können, keinen Gott brauchen. Wir haben Gott in die Ecke gezwängt und ihn damit ins Jenseits verschoben und klein gemacht.
Genau das sagt auch Bonhoeffer als er bemerkt, dass seine Mitgefangenen nicht mal mehr in der Not beten. Was heißt das dann? Wo ist Gott? Hat Gott den Menschen verlassen?

Bonhoeffer schreibt: „Vor Gott und mit Gott leben wir ohne Gott.“ Was soll das bedeuten?

Im Kreuz hat Gott sich klein gemacht, hat sich demütigen lassen und wurde aus der Welt „verbannt“. Die Welt wurde „gottlos“. Aber genau in dieser Schwachheit konnte Gott dem Menschen ähnlich werden, sodass er in und an und durch ihn wirken kann. Bonhoeffer charakterisiert Gott nicht als den heroischen Gott, der alles von oben, von seinem Thron aus lenkt. Er sieht den schwach gewordenen, dafür aber dem Menschen nahe gekommenen Christus.

Leider konnte Bonhoeffer seine Gedanken nicht mehr systematisch ausführen und so haben wir diese Ideen nur aus seinen Briefen. Mich persönlich hat der Ansatz, diese ganz neue Theologie, aber irgendwie mitten ins Herz getroffen.
Gott offenbart sich unterschiedlich zu unterschiedlichen Zeiten und vielleicht ist diese neue „gottlose“ Zeit die Zeit der Begegnung. Der Intimität und der Schwachheit.

Vielleicht regen diese Gedanken dich auch an und lassen dich neue Seiten an Gott entdecken. Ich gehe jedenfalls mit der Frage heraus, was das für uns als Kirche, als Leib Christi bedeutet. Noch habe ich darauf keine Antwort gefunden und vielleicht gibt es auch nicht die eine Antwort. Aber ich denke, dass uns der Ansatz unsere Dialogpartner mit anderen, mit neuen Augen sehen lassen kann. Wir reden nicht mit unmündigen Kindern, sondern mit mündigen Erwachsenen, die größtenteils mitten im Leben stehen.

Wieso sollten sie dann zu Gott kommen wollen? Und wie sollen wir das „schaffen“? Glücklicherweise müssen wir gar nichts schaffen. Wenn jemand zu Gott findet, dann, weil Gott durch uns spricht. Vielleicht eröffnet Bonhoeffer uns neue Ideen. Vielleicht hast du jetzt gerade sogar schon ganz neue Farben erahnt.

„Kirche für andere“ hat Bonhoeffer postuliert. Vielleicht fängt es dabei an. Die Botschaft Jesu ist Liebe. Leben wir sie. Nachfolge sei echte Weltlichkeit, hat Bonhoeffer gesagt. Damit wir und andere genau darin erkennen, was das Kreuz Jesu in dieser Wirklichkeit bedeutet. Nicht: Macht euch mit der Welt gleich. Aber: Seid in der Welt!