Die Macht der Gedanken

Worte haben Macht. Taten haben Macht. Das würde niemand bestreiten. Aber auch Gedanken haben Macht. Mit Worten und mit Taten können wir Macht auf andere Menschen ausüben. Und mit Gedanken? Gedanken hören nur wir selbst.
Gedanken können dich beflügeln. Sie können dich über alles erheben. Sie können dich alles sagen und tun lassen, was du dir nur vorstellen kannst. Die Gedanken sind eben frei.
Aber was, wenn genau diese Gedanken dafür sorgen, dass du nicht mehr frei bist. Wenn Gedanken gefangen halten.

Ich habe in der Weihnachtspause viel über mich, mein bisheriges Leben und meine Zukunft nachgedacht. Warum tue ich Dinge? Wo will ich eigentlich hin? Was hindert mich?
Die erschreckende Antwort ist: meine Gedanken.

Ich habe es in der Vergangenheit mit Absicht vermieden mich meinen Gedanken, meinen Emotionen zu stellen. Warum? So genau weiß ich das nicht. Ich denke auf jeden Fall auch aus Angst und aus Bequemlichkeit. Wie hat sich das gezeigt? Ich habe oft dann, wenn es schwierig wurde, angefangen Serien zu schauen ohne Maß oder ich habe getrunken. Oder ich habe mich in Fantasiewelten geflüchtet nur um mir selbst aus dem Weg zu gehen. Es lebt sich ganz okay so ohne sich selbst. Aber eben nur ganz okay.

Du baust dir Mauern auf, eine nach der anderen bis du vergisst, wie es außerhalb davon aussieht. Du schottest dich von Menschen ab und lernst auch keine Neuen kennen, weil du dich nicht zeigen willst. Dir selbst nicht und erst recht nicht deinem Gegenüber.
Wie geht es dir? Jahrelang hatte ich keine Antwort, weil ich keine wollte. Emotionen zu durchleben kann verletzen und es tut in jedem Fall irgendwann weh. Da ist es normal dich schützen zu wollen. Nur, wenn dein Schutz so weit geht, dass du dich nichts mehr aussetzt, dann wirst du taub, verschlossen, apathisch. Vor allem wirst du einsam.

Du redest dir ja ein, dass es dir gut geht, dass du ein normales Leben führst und du dir nichts vorzuwerfen hast. Kritik prallt ab wie Regen an einer Lasur. Du siehst sie und denkst vielleicht darüber nach, aber am Ende bleibt doch nichts, was tiefer geht.
Du siehst Freundschaften zerfallen, entfernst dich von Menschen. Es lebt sich leichter im Schneckenhaus. Tut es dir leid? So tief geht keine Emotion mehr. Kalte Wand.

Und wenn etwas Schlimmes passiert, dann bist du das Opfer. Du kannst ja nichts für deine Umstände. Die Welt ist nunmal gegen dich. Damit musst du leben lernen. Dein Gegenüber hat vielleicht Dinge durchlebt, die ihn oder sie zu diesen Taten führen. Schade. Könntest du selbst Schuld tragen? Nicht wirklich. Du versuchst doch nicht anzuecken. Du versuchst doch, ein guter Mensch zu sein.
Dein Kopf denkt weiter. Denkt deine Mauern immer höher. Du betest, dass niemand hören kann, welche Gedanken zu denkst. Bau noch eine Mauer, dann ist es sicherer, dass es niemand hört.

Und dann gibt es diese Momente des Aufflackerns. Die Momente, in denen ein Feuer ganz tief in dir wieder anfängt zu lodern. Unter all der kühlen Asche war doch Leben. Einen Moment lang spürst du dich. Doch das kann nicht sein, wer weiß denn, was da alles hochkommen kann. Das willst du nicht und das kannst du nicht und eigentlich glaubst du auch du musst nicht.

Und eines Tages ist die Einsamkeit zu groß und das Feuer sieht seine Chance und bricht durch die Schalen hindurch nach außen. Und es brennt. Und es tut weh. Und plötzlich siehst du die Welt da draußen. Du erkennst die wahren Formen dessen, was du vorher nur als Schatten gesehen hast. Das, von dem du dachtest, es sei die Wahrheit, war nur ein Abbild. Und jetzt?

Jetzt muss du heilen. Wie eine offene Wunde klafft deine Haut. Alle Emotionen und alle Gedanken bahnen sich einen Weg aus den Tiefen der Burggräben deiner selbst erbauten Festung. Wie Pfeile durchstechen sie dein Herz und lassen dich kapitulieren.

Doch dann, irgendwann ziehen sich die Wunden zu, sie beginnen zu heilen und du empfängst neue Kraft. Und zum ersten Mal nach langer Zeit siehst du die Welt so, wie sie ist. Nicht, weil jemand anders dich gefangen gehalten hat. Dein Gefängnis waren deine Gedanken. Gitterstäbe aus Zweifeln und Ängsten haben dich im Zaum gehalten. Wie riecht die Welt? Nach Aufbruch, nach Heimatlosigkeit und doch Nachhausekommen.

Jetzt bist du draußen, nackt in der Welt. Ohne Mauern, ohne Sicherheiten. Ausgeliefert? Was tust du, wenn Gedanken kommen? Gedanken, die sich nicht gehören. Gedanken, die Mauern verlangen. Du musst sie annehmen. Du musst Gefühle fühlen. Du musst dir eingestehen, was wahr ist. Dann kannst du sie verarbeiten, befragen oder verabschieden. Aber du musst sie annehmen. Und dann? Dann haben sie keine Macht mehr. Wenn du weißt, wer du bist, dann kann dich kein Gedanke, ob ihn jemand hört oder nicht, gefangen halten. Du bist frei. Dann brauchst du keine Angst haben vor dir und den Abgründen deiner Seele. Sie gehören zu dir aber sie definieren dich nicht mehr. Sie sind nicht Teil deines Wesens.