Ohne doppelten Boden

Das Telefon klingelt. Unsanft werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Heute ist Montag, mein freier Tag, und ich überlege, ob ich rangehen soll. Der Anrufer bleibt hartnäckig. Vielleicht ist es doch etwas Wichtiges? Beim Blick auf das Display erscheint ein Name, den ich nicht erwartet hätte. Letztendlich siegt meine Neugier und ich hebe ab.

Eine Erfahrung im Neuland

Nach den obligatorischen Smalltalk-Fragen kommen wir dem eigentlichen Grund für den Anruf näher. Es geht um die anstehende Hochzeit einer gemeinsamen Freundin, bei der mein Gesprächspartner die Trauung machen soll. Da fällt mir ein, dass mein Mann erst heute Morgen meinte, dass er Corona hat. Ich zähle eins und eins zusammen. Mir wird schlecht.

„Könntest du dir vorstellen, die Trauung zu übernehmen, wenn ich nicht rechtzeitig wieder fit sein sollte?“ Ich bin völlig perplex und mit der Situation komplett überfordert. Ich? Oh nein…meine Gedanken beginnen sich zu überschlagen. Wenn ich mir überlege, was in den nächsten Tagen alles ansteht, habe ich weder die Zeit, eine Traupredigt bis zum Wochenende zu schreiben, noch auch nur die geringste Ahnung, wie man das macht. Das ist komplettes Neuland für mich.

Sehnsüchtig schaue ich auf meinen Kaffee, der langsam kalt wird. Ich wollte doch einfach nur in Ruhe meinen freien Tag genießen. Aber daraus wird wohl vorerst nichts. Wir beenden das Telefonat mit dem Ergebnis, dass ich eine Nacht darüber schlafe und mich dann dafür oder dagegen entscheide.

Was denkst du?

In den nächsten Stunden versuche ich herauszufinden, was ich tun soll. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie furchtbar es für das Brautpaar sein muss, so kurz vor der Hochzeit nicht zu wissen, wer sie in wenigen Tagen trauen wird. Natürlich will ich ihnen helfen. Aber ich habe überhaupt keine Erfahrung auf dem Gebiet. Es geht um einen so wichtigen Moment für die beiden. Das Risiko, das Ganze in den Sand zu setzen, ist einfach zu hoch…oder? Ich schließe die Augen und bete: Was denkst du?

Eine Zukunft mit Gott

Auf einmal überkommt mich eine sonderbare Ruhe und eine innere Stimme stellt die entscheidende Gegenfrage: Wer sagt denn, dass du das allein schaffen musst? Ich muss lächeln und erinnere mich an einen Satz, den ich letztens in einer Predigt gehört habe: „Sich zu sorgen heißt, mit einer Zukunft ohne Gott zu rechnen.“ Aber Moment, das will ich doch gar nicht!
Ich bin mir ganz sicher, dass er bei mir sein wird. Also warum lasse ich zu, dass meine Befürchtungen mich überwältigen? Warum sehe ich nur meine begrenzten Möglichkeiten und nicht seine? In diesem Moment weiß ich, was zu tun ist…