Mehr als Liebe (Gastbeitrag)

Der folgende Text ist ein Gastbeitrag von Renée Scifo.

Noëlle schläft neben mir. Ihr Atem streichelt meine Wange. Ich bin schon seit einer Weile wach und kann wieder mal nur staunen und mich wundern. Wie haben wir es so weit geschafft? Und warum fliegt die Zeit so schnell? Nun ist unsere Erstgeborene bald eineinhalb Jahre alt. Sie ist gewachsen und wir als Eltern sind wohl auch gewachsen, aber auf ganz andere Art und Weisen: Während sie kleine Fettpölsterchen angelegt hat, haben wir Ozeane an Liebe ausgeschöpft und Berge der Hoffnung erklommen. Die ersten Monate mit einem bedürftigen Wunderwesen sind einfach nur magisch und eine Aura der gelungenen Selbstverwirklichung umgibt einen.

Wie es jedoch meinem Herzen tief im Inneren vor einem Jahr ging, weiß ich aber bis heute nicht ganz. Ich hatte meine tiefen Wurzeln verloren und bin seitdem eine suchende Seele geworden. Meine Umgebung ist nahrhaft, aber meine Seele geht oft noch hungrig ins Bett.

Vor einer Weile hatte ich vergessen, wie sehr Gott mich liebt. Und ich verstand nicht mehr, dass ich eine Siegerin in diesem Lebenslauf bin. Manche Tage fühlen sich an wie Rumtollen im Blumenfeld mit diesem kleinen Kind, einem Geschöpf mit durch und durch gutem Wesen. Das kann keiner einem einflößen, wenn ein Mensch es nicht selber glaubt, hört sich alle irdische Überzeugung an wie Gemurmel in einer anderen Sprache. Es ist himmlisch leicht zu lieben, als würde der Zufluss nie austrocknen.

Und dann in der Mitte von alledem…Schreit meine Seele auf. Gepeinigt durch Liebeskummer nach einem tiefen und echten Leben, nach Abenteuer und Bedeutung, nach Signifikanz und Wahrheit. Ich habe unzählige Versuche gemacht aus eigener Energie Gottes Kraft zu mobilisieren, doch es funktionierte nicht und ich hatte fast den Halt im Leben verloren. Fast – denn da war noch ein Faden an dem ich festhielt: Gebet und der Gaube, dass Gott allmächtig wie er ist, mir antworten würde.

Auf Knien, mit wenig Energie, mit Tränen und Ehrlichkeit, wurde das Universum plötzlich ganz klein und das Mystische trat in ein klares Licht. Ich bin geliebt, und ich habe diese Aufgabe verdient Mutter zu sein. Es ist kein Fehler gewesen und alles, was ich jetzt “aufgebe” pflanze ich in mein Kind. Nichts ist jemals verloren, denn das Potential, das mein Kind hat, die Welt zu verändern ist größer und dynamischer, als meines jemals sein kann. Weisheit offenbart sich mir immer, wenn ich es am wenigsten erwarte. Sonnenaufgänge, Kinderbücher, eine schöne Begegnung mit einem Fremden. Es war so simpel und so deutlich und nichts was ich tun müsste, als es nur anzunehmen.

Ich glaube, dass Gott aktiv ist. Nicht immer im Vordergrund und nicht immer am Offensichtlichen. Er benutzt Menschen und die schönen Dinge, die Menschen tun. Und manchmal im Leben gibt es Momente, wo es nur Er ist- auf Seine Art, zu Seinem Zeitpunkt. Ich bin so froh, dass ich es dieses Mal nicht verpasst habe.

Unsere Ehe ist seit 2 Jahren auf einem guten Pfad. Manchmal bin ich zutiefst enttäuscht, aber das ist, weil die Täuschung, die ich aufgebaut habe wackelt. Enttäuscht zu werden ist befreiend. Gut, dass es das gibt. Jemanden mit Schwächen und Macken zu akzeptieren ist ein Wagnis- ja, soweit zu gehen und zu lieben ist utopisch – aber mir gefällt utopisch. Ich habe neulich Fotos angeschaut von einer schönen unbeschwerten Zeit aus unserem ersten Jahr oder zweiten Jahr Ehe. Wir strahlen über beide Ohren, froh einander gefunden zu haben. Als ich das sah, stiegen heiße Tränen hoch und eine rigorose Wut brannte. Ich will dieses Glückes nicht mehr beraubt werden. Ich weiß nicht, wie die Zukunft sein wird und ich habe oft Angst, alles zu verlieren. Aber, wenn ich Noëlle in den Armen ihres Vaters lachen sehe, wie sie ihm in die Nase beißt oder ihren Kopf auf seine Schulter legt und sich an seinem T-Shirt festklammert, denke ich, dass vielleicht doch alles gut werden kann. Ich bin entschlossen, nicht diejenige zu sein, die das, was Gott zusammen gebracht und zusammen gebunden hat anzweifelt. Gott, der Noelle über alles liebt hat mich ausgesucht hat, ihre Mutter zu sein und zu bleiben. Das ist gut so und meine Seele lernt es sehr wohl.

Stunden nachdem ich diesen Text geschrieben habe, weiß ich, wie ich diesen Text enden lassen will. Indem ich das Wunder, das Noëlle zu sehen scheint, zu verraten versuche:

Sie schaut hoch, wie Sonnenlicht durch die Blätter strömt. Ihre Lippen sind leicht zusammengepresst und summt ganz sanft. Eine Melodie, die ich mal gesungen habe? Oder ein neues Lied aus ihrem Inneren? Ihr 3 cm langer Finger zeigt in die Höhe, was sieht sie? Wessen Gesicht streichelt sie? Sie kichert und sucht dann nach meinem Blick. Ich erwidere ihn mit mehr als Liebe.

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