Kinder disziplinieren?

Ich frage mich manchmal ob Eltern ihrer enorme Verantwortung bewusst sind.
Als Kinderschutzfachkraft und Familienhelferin in Brennpunktvierteln der Stadt, habe ich schon viele Familien gesehen, bei denen ich einfach traurig war, dass die Kinder kaum eine Chance haben, mental gesund, stark und selbstbewusst groß zu werden. Doch auch außerhalb dieses Milieus ist es nicht selbstverständlich für Eltern die Bedeutung, insbesondere der ersten 3 Jahre, zu sehen.

Die ersten Jahre

Das Gehirn der Kleinsten wird in den ersten Jahren jeden Tag vernetzt, programmiert und das Unterbewusstsein wird aufgebaut. All dies beeinflusst das gesamte Leben, dadurch das unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Handeln von unserem Unterbewusstsein gesteuert wird.
Wenn man denkt, dass Kinder sich nicht an Dinge erinnern, die in den ersten Jahren passieren, dann ist dies schlichtweg nicht wahr. Sie erinnern sich vielleicht nicht mit dem vorderen, bewussten Teil des Gehirns, aber sie erinnern sich genau an das Gefühl, ihr Körper erinnert sich und es prägt sie enorm.

Das meinte ich mit Verantwortung der Eltern. Manchmal merke ich, wie ich das Weinen meiner 1-Jährigen nicht ernst nehme, wenn sie nicht gewaschen und gewickelt werden möchte. Das ist halt das, was gemacht werden muss, ob sie es mag oder nicht. Doch wie gehe ich da mit ihrem Empfinden um? Mache ich einfach schnell weiter und sage „shhh jaja ist ja gleich vorbei“, oder schaue ich ihr in die Augen und versichere ihr, dass sie sicher ist, dass ich ihren Unmut sehe, dass ich mich gut um sie kümmere und vorsichtig und respektvoll mit ihrem Körper umgehe?
Genau das haben Kinder verdient. Wie würden wir denn gerne behandelt werden, wenn wir so hilflos wäre wie die Kleinsten?

Also mir hilft es immer enorm mich in ihre Lage zu versetzten und mich zu fragen, was sie wohl fühlt, was sie braucht und wie frustrierend es sein muss, das alles nicht richtig mitteilen zu können. Deshalb höre ich hin, gehe auf das ein, was ihr Gesichtsausdruck mir mitteilt und begleite sie durch ihre Not. Auch wenn Kinder größer werden und in der sogenannten Trotzphase sind, gilt, dass große Gefühle, Verweigerung zu kooperieren, aggressives Verhalten, etc. immer ein Ausdruck immenser, innerer Not sind. Wenn man das so sieht und nicht als mutwilliges, schlechtes oder ungehorsames Verhalten, das wegerzogen werden muss, geht man ganz anders auf das Kind ein.
Doch wie bringen wir Kindern bei, was uns wichtig ist für ihr Leben?

„Kinder lernen am besten durch Vorbilder.“

Disziplinieren kommt von der Bedeutung her von „Lehren“. Es geht also nicht um Strafen oder ähnliches – sondern Kinder lernen am besten durch Vorbilder. Wenn wir achtsam, sanftmütig und emphatisch auf sie eingehen, können sie diese Haltung auch sich selbst und anderen gegenüber entwickeln.

Zufällig kam ich letztens auf Instagram auf einen Post von jemandem aus den USA, der ein Schild hochhielt mit den Worten drauf „Spank your Children“. (Das heißt übersetzt soviel wie „versohlt den Po eurer Kinder“.) Ich dachte, das wird mit Sicherheit nicht seine ersthafte Position sein, doch im Text zum Post wurde klar, dass er dies sehr wohl vertritt und auch noch aus christlicher, biblischer Sicht verteidigt. Das schockte mich bereits, denn ich hatte gehofft, dass diese Methode der „Disziplinierung“ nicht mehr praktiziert wird und schon gar nicht öffentlich dafür geworben und mit Bibelstellen argumentiert wird. Mir wurde ganz übel, doch schlimmer waren die vielen hundert Kommentare unter dem Post. Die überwiegende Anzahl davon waren genau seiner Meinung und sprachen davon, wie verdorben die Kinder heutzutage seien, wie es noch niemandem geschadet hätte, dass es wichtig sei für die Entwicklung und das sie nur so wirklich zu respektvollen Erwachsenen heranwachsen können. Ganz vereinzelt waren entsetzte Gegenstimmen zu lesen, die auch heftig diskutiert wurden.

Ich hielt es nicht lange aus mir das durchzulesen, denn ich dachte an all die wunderschönen, verletzlichen, empfindsamen Kinderseelen, die sich so sehr nach Nähe, Bindung und Validierung sehnen und die bleibende, seelische Verletzungen zugefügt bekommen und das auch noch im Namen des Glaubens. Kein Glaube ist eine Rechtfertigung Gewalt an Kindern auszuüben, im Gegenteil!
Ich sehe meine Kinder mit Gottes liebenden Augen, er hat sie geschaffen und gesagt, sie sind wundervoll, so wie sie sind. Jesus selbst hat gesagt, dass wir keine Knechte mehr sind, sondern Kinder Gottes. Wir dürfen liebevoll „Abba“ zu Gott sagen. Ich glaube Christen, die Gewalt an Kindern gutheißen haben die Botschaft Jesu nicht verstanden. Kinder werden dafür bestraft, dass sie Kinder sind, weil sie in ihrer Unreife, für die sie schlichtweg nichts können, anders handeln als ihre Eltern das gerade gut finden. Am traurigsten ist es, wenn Kinder bestraft werden, dafür dass sie Nähe und Bindung suchen, z.B. wenn sie Abends wieder aus dem Bett kommen, auch wenn sie zum tausendsten Mal gesagt bekommen haben, dass sie im Bett bleiben sollen. Klar brauchen Eltern ihren Feierabend und je später es wird, desto mehr sind die Nerven auf allen Seiten angespannt und unter Stress handelt man nicht mehr mit dem bewussten Teil des Gehirns, sondern mit dem unbewussten, emotionalen.

Die eigentliche Verantwortung von Eltern

Doch genau hier ist die eigentliche Verantwortung von Eltern: sich selbst zu regulieren, um aus dem Stress-Zustand zu kommen. Wenn das Verhalten meiner Kinder mich in Rage versetzt, hat das viel weniger etwas mit ihrem Verhalten zu tun, als mit meinen persönlichen Triggern/Wunden aus der Kindheit. Mein Kind ist niemals mein Feind – wenn es sich so anfühlt, dann spiele ich einen vergangenen Film ab und muss das dringend differenzieren. Ich bin die sichere Burg für meine Kinder, ich möchte authentisch mit meinen Gefühlen sein, doch ihnen nicht die Schuld dafür geben. Ich will, dass sie ihre Gefühle frei fühlen dürfen und trotzdem geliebt und in Sicherheit sind.

Meine Kinder sind mir nichts schuldig, sie dürfen sich frei entfalten. Es ist nicht leicht die schier übermenschlichen Erwartungen, die man an die Kleinsten hat loszulassen und sich stattdessen mit seiner eigenen, schmerzenden Seele auseinanderzusetzen. Doch das ist elterliche Verantwortung. Kinder sind nunmal unser ehrlichster Spiegel. Und Elternschaft ist die größte Chance ganz tiefe Heilung zu erfahren.

Fragen:

  • Welche Bilder tun sich bei dir auf, wenn du „Kinder disziplinieren“ hörst?
  • Wie gehst du damit um, wenn das Verhalten deiner Kinder dich in Rage versetzt?
  • Welche Wunden könnten dabei getriggert werden? Wie wurde mir dir als Kind umgegangen?