Grenzen und Bedürfnisse

Wenn Kleinkinder ihre Selbstbestimmtheit entdecken, bringt uns das oft an unsere Grenzen. Man sagt ja auch, dass Kleinkinder “Grenzen austesten” und das ist für uns als Eltern natürlich sehr herausfordernd. Wie geht man am besten damit um?

Ich sehe das tatsächlich als Chance, denn oft bin ich mir eigenen Grenzen nicht bewusst. Das gilt nicht nur im Umgang mit meinem Kind, auch bei der Arbeit gegenüber Klienten, meinen Eltern, Freunden. In so vielen unterschiedlichen Situationen gehe ich weit über mein inneres “Nein” hinaus und bin am Ende frustriert, verletzt und übermüdet. Sollten wir deshalb nicht viel mehr dankbar sein, dass die Kleinen uns mit unseren Grenzen konfrontieren? Ihnen alles recht zu machen und niemals mit Widerstand konfrontieren lassen, ist bekanntlich alles andere als förderlich beim Aufwachsen.

Meine Bedürfnisse als Mutter sind nicht weniger wichtig als die meines Kindes. Im Grunde genommen ist auf meine Bedürfnisse zu achten Voraussetzung dafür, liebevoll, geduldig und achtsam für meine Kinder da zu sein.

Ich bin nicht oft ausgerastet gegenüber meiner Tochter, aber wenn, dann ging immer voraus, dass ich nicht auf meine inneren Warnsignale gehört habe. Vor allem als ich schwanger wurde und mich wieder Vollzeit um meine Große kümmerte, war ich oft super schnell hungrig, mein Kreislauf schwächelte oder mir war kalt, irgendetwas tat weh oder ich musste mal wieder auf Toilette. Doch wenn meine Tochter, wie eine typische zweijährige so im Moment aufgeht und keinen Falls einen Ort verlassen möchte, an dem es ihr gerade Spaß macht zu sein, dachte ich ganz oft, ich tu ihr einen Gefallen, wenn ich einfach noch ein bisschen durchhalte und sie weiterspielen lasse. Dass dem nicht so war, haben wir dann meist auf dem Heimweg, spätestens im Treppenhaus, wenn sie keine Lust hatte die letzten Stufen raufzugehen und ich sie wegen der wachsenden Kugel nicht mehr tragen wollte. Sagen wir es mal so… wir wurden beide laut. Sehr laut.

Hätte ich also von vornherein auf meine Bedürfnisse gehört (damit meine ich gar nicht in erster Linie die genannten Grundbedürfnisse – das sowieso – sondern das Bedürfnis gehört und ernstgenommen zu werden), wäre ich in so einer Treppenhaus Aktion viel gelassener geblieben.
Ich habe meiner Tochter mehrmals gesagt, dass ich jetzt nachhause gehen möchte, aber sie schien es nicht zu hören. Das ist für eine Zweijährige natürlich völlig normal, aber trotzdem hat es etwas in mir ausgelöst. Ich konnte nicht zu meinem Bedürfnis stehen, habe nachgegeben, weil ich ihren Wunsch weiterzuspielen höher als mein eigenes geachtet habe. Wenn sie jedoch mitbekommt, dass ich meine eigenen Bedürfnisse wahrnehme, sie ernst nehme und einfordere, kann sie überhaupt realisieren und lernen, dass andere auch Bedürfnisse haben und das ist unfassbar wichtig.

Theoretisch ist es vielleicht nicht möglich es einem Kleinkind zu erklären – vor allem dann nicht, wenn der Geduldsfaden schon längst gerissen ist. Ein Kleinkind muss es sehen, erfahren, erleben, spüren, hören. Sie saugen alles auf, was wir ihnen vermitteln (so viel mehr als nur mit unseren Worten) und zeigen uns zugleich wie ein Spiegel, wie wir handeln. Ich finde die Vorstellung schön, durch meine Kinder ein immer besserer Mensch zu werden und die Chance haben wir Mütter definitiv alle – jeden Tag aufs Neue.

Fragen:

  • Wie reagierst du, wenn du an deine Grenzen kommst?
  • Kannst du deine Bedürfnisse gut wahrnehmen und einfordern?
  • Wie geht es dir, wenn du dich nicht gehört fühlst?