Liebe ich mich?

In meiner vorherigen Kolumne habe ich darüber geschrieben, Liebessprachen mit sich selbst zu sprechen und nun möchte ich noch auf eine sehr bewegende Erfahrung eingehen, die sehr aktuell in meinem Leben stattgefunden hat und mir nochmal tausend Level tiefer gezeigt hat, was es wirklich bedeutet mich selbst zu lieben.

Die Routinen und die Liebessprache sprechen ist super schön und wichtig, aber auch wie in einer Beziehung kommt es oft auf die kritischen Momente an. Was passiert, wenn es einem nicht gut geht, wie geht der Andere damit um?
Da zeigt sich oft die Stabilität einer Beziehung am deutlichsten. So ist es auch bei der Beziehung zu mir selbst.

Aufwühlung mit hohen Erwartungen

Ich kam letztens nach einem sehr langen und aufwühlenden Tag nach Hause, an dem ich in der Therapiesitzung an einen ganz tiefen, wunden Punkt gelangt bin. Im Anschluss bei der Arbeit merkte ich, wie weit ich von mir selbst entfernt bin, da wo ich gerade bin. Am Abend hatte ich noch einen MBSR Kurs, in dem es darum ging alles was aufkommt erstmal einfach so wahrzunehmen wie es ist, ohne du werten, zu unterdrücken, ohne verändern und verbessern zu wollen.

All dies hat mich natürlich sehr beschäftigt und ich habe an dem Abend mit meinem Mann darüber gesprochen. Weil der wunde Punkt aus meiner Kindheit noch sehr offen war, teilte ich eine schmerzhafte Erkenntnis, die auch etwas mit ihm zu tun hatte und ich wurde emotional. Sofort gingen bei ihm die Schutzmauern hoch und er sagte ich solle mich nicht reinsteigern, doch genau das war der Satz der es für mich schlimmer machte.
Ich war super verletzt, doch statt es in einem Streit ausarten zu lassen konnte ich diesmal, Gott sei Dank, frühzeitig rausgehen und beim Spaziergang unter dem herbstlich-kühlen sternenbedeckten Nachthimmel flossen Tränen tiefen Schmerzes über meine Wangen. Ich merkte einfach, wie sehr ich mich nach emotionaler Sicherheit sehnte.
Einfach jemand, der mich hält und mich sieht, wenn ich Schmerzen habe, der sie mir nicht abspricht, der sie mir zugesteht, der sie ernst nimmt, der mich fühlen lässt, ohne selbst Angst zu haben überfordert zu werden. Jemand der mich nicht verurteilt. Jemand der liebevoll und fürsorglich da ist und mich fragt wo es schmerzt. Ich hatte diese unfassbar hohe Erwartung natürlich an meinen Mann in dem Moment. Ich teilte mit ihm einen tiefen Schmerz und er hatte so zu sein, wie ich es gerade brauchte. Doch das war er in seiner eigenen verletzten Menschlichkeit in dem Moment nicht.

Gottes heilende Gegenwart

Als ich nun draußen schluchzend lang ging, erkannte ich, dass genau das was ich brauche, um mich in allem was ich bin sicher zu fühlen, Gottes heilende Gegenwart ist.

Ich hörte das Lied „In your Presence“ von Jason Upton und fühlte mich so geborgen und konnte meinem Schmerz und Verletzung fließen lassen, ohne sie zu unterdrücken, zu beschleunigen, zu verurteilen oder zu ignorieren. Der Schmerz war da und ich fand Verständnis, ich fand Sicherheit. Nicht wie ich es erwartet hatte, von meinem Mann, sondern bei Gott und tatsächlich bei mir selbst.

Ich erkannte, dass auch ich es bin, die mir das geben kann wonach ich mich so sehr sehne: Sicherheit für meine Emotionen, Sicherheit für mich, Sicherheit einfach ich zu sein.

Ablenkung statt Geborgenheit

Ich bin selbst sehr kritisch und ungeduldig mit mir, ich nehme mir oft nicht die Zeit hinzuhören, wenn Emotionen aufkommen, ich spreche mir kaum liebevolle Worte zu.

Letztens wurde ich gefragt, wohin ich gehe, um Geborgenheit zu bekommen und ich musste ehrlich antworten, dass ich gerne Gott sagen würde, aber leider stellte ich fest, dass es aktuell nicht so war. Ich rannte immer wieder weg. Wenn ich Geborgenheit suchte, ging ich ins Internet und fand dort irgendeine Art von virtueller Verbindung mit Menschen, Ideen, Wissen, Inspiration, Kunst etc. Doch wo ist da die Geborgenheit?
Es ist ein kurzfristiger Trugschluss, dass ich dort Geborgenheit finde, auch wenn ich kurz von meinem Stress abgelenkt bin und es mir kurz besser geht. Nein, Geborgenheit ist etwas anderes. Was ich verstand, war, dass es so schädlich für Körper, Seele und Geist ist, so lange ohne Geborgenheit zu leben; dass so viele meiner körperlichen und seelischen Symptome daher rühren; dass ich weg renne von der Quelle der Geborgenheit: Gott. Gott in mir, nahbar, lebendig, liebevoll.

Gott erfüllt alle meine Sehnsüchte

In dem Moment, unter den Sternen erkannte ich, dass der Weg nicht an mir vorbei, über meinen Kopf hinweg zu Gott führt, sondern durch mich hindurch. Gott lebt wahrhaftig in mir und wenn ich mir selbst ehrlich begegne, begegne ich auch Gott. Ich hielt mich in diesem Moment unter den Sternen umarmt und sprach mir die Worte zu, die ich schon so oft schmerzlich bei meinem Mann vermisste.
Ich konnte in dem Moment des Schmerzes nicht nur Gottes heilende Gegenwart und Annahme wahrnehmen und mich selbst lieben , sondern konnte auch meinem Mann vergeben und von meinen hohen Erwartungen an ihn Abschied nehmen. Meine Erwartungen an ihn konnten in erster Linie nur durch Gott und durch mich selbst erfüllt werden. Meine Heilung einzig und allein von meinem Mann und seiner Reaktion auf meine Verletzlichkeit abhängig zu machen ist ihm gegenüber nicht fair und birgt eine umso höhere Verletzungsgefahr für mich.

Natürlich ist es wünschenswert so eine emotional sichere Beziehung zum Ehepartner zu haben. Aber wenn man merkt, dass es nicht so ist, ist die Frage viel wichtiger, wo ich in diesem Moment wirklich gerade Sicherheit brauche und wo ich gerade Einfluss darauf habe. Diesen Einfluss durch unsere Entscheidungen unterschätzen wir leider viel zu häufig, deshalb hier eine Erinnerung: in aller erster Linie machst du den Unterschied, in deinem Leben, mit jeder deiner täglichen Entscheidungen.

Fragen:

  • Wie bist du in Beziehung zu dir selbst?
  • Wo gehst du hin, um Geborgenheit zu erleben?
  • Welchen Einfluss hast du auf deine Umstände?