Gegen den Strom

Was bedeutet es wirklich lebendig zu sein? Darüber musste ich letztens nachdenken als mir irgendwie völlig willkürlich ein Kinderlied in den Kopf kam „Sei ein lebendiger Fisch, schwimme gegen den Strom.“ Bisher hab ich den Liedtext immer ausschließlich so verstanden, dass ich nicht Mainstream alles mitmache, was die anderen machen und denken, sondern meinen eigenen Weg finde und mich traue zu gehen, auch wenn ich damit eventuell gegen die allgemeine Meinung stehe. Das ist natürlich ein Teil davon und auch wichtig.

Als mir jedoch dieses Lied in den Kopf kam, folgte ein ganz anderer Gedanke dazu. Und zwar, dass ich viel zu oft passiv dem „Strom der Umstände des Lebens“ nachgebe und mich sozusagen treiben lasse, statt aktiv und bewusst eine Richtung einzuschlagen.

Vor allem im Alltag mit zwei kleinen Kindern zeigt sich das ganz deutlich. Sofort nach dem Aufwachen sehe ich schon die Aufgaben, die anstehen, die meist unterschiedlichen Bedürfnisse meiner Töchter. Ich springe rein in den Alltagsfluss und lasse mich von den Bedürfnissen der anderen, sowie von Terminen und Aufgaben vorantreiben. Am Ende des Tages bin ich ausgelaugt und frustriert, fühle mich fremdbestimmt und schiebe das allein auf die „Tatsache“, dass man als Mutter halt kaum noch Zeit für sich hat und sich ständig um die kleinen Menschlein kümmern muss. (Für alle, die es interessiert: In der nächsten Kolumne Vom Wilden Herzen einer Mutter werde ich auf das Thema „Lebendiger Mama-Alltag“ eingehen.)

Auch was Beziehungen angeht, tendiere ich dazu mich passiv treiben zu lassen. Ich warte oft so lange bis sich Freunde mal bei mir melden und frage super selten von mir aus, ob jemand was mit mir unternehmen will. Und auch in der Ehe warte ich oft auf Saschas Initiative ein Date zu planen, Zeit zu zweit am Abend und auch geistliche Gemeinschaft zu haben. Auch dann endet dieses Treibenlassen in Frust und Enttäuschung, weil ich denke: Keiner meldet sich, es will wohl keiner was mit mir machen, oder: unsere Ehe kann ja gar nicht stark werden, wenn Sascha nicht endlich mal mehr Zeit zu zwei initiiert.

Ich bin hier gerade sehr ehrlich zu mir selbst und werde mir dessen gerade jetzt beim Schreiben so richtig in der Tiefe bewusst. Es ist gar nicht leicht mir das einzugestehen, weil ich Passivität nicht wirklich als etwas Positives ansehe. Wie gesagt, nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. In gewisser Weise bin ich wirklich nicht lebendig, wenn ich mich als „Opfer“ aller Umstände treiben lasse und kaum etwas aktiv entscheide und initiiere. Das ist besonders der Fall, wenn es mir gerade nicht so gut geht.
Doch das eine führt auch schnell zum anderen. Je mehr ich nachgebe und passiv mitgehe, desto schlechter geht es mir, was das Nachgeben wiederum verstärkt. Gott sei dank ist das nicht immer der Fall und ich hab auch Zeiten in denen fällt es mir leichter „lebendig“ mein Leben und meine Beziehungen zu gestalten.

Dabei ist es wichtig zu unterscheiden, was ich gerade WILL und was ich gerade BRAUCHE. Denn auch von meinen eigenen Stimmungen, Gelüsten, Bequemlichkeiten und Gewohnheiten kann ich mich treiben lassen, was oft in ungesunden Verhaltensweisen endet. Im Gegensatz dazu ist das, was ich gerade brauche, oft mit einem (kleinen oder großen) Motivationsschub verbunden. Sport, statt auf dem Sofa zu faulenzten, nach einem Buch statt dem Handy zu greifen, einen frischen Salat zuzubereiten statt Fertigessen aus der Tüte. Es gibt etliche Beispiele.
Wir treffen den ganzen Tag Entscheidungen, auch wenn es sich gar nicht danach anfühlt, weil man meist ganz automatisch den Weg des geringsten Widerstandes geht. Doch eigentlich ist es ganz logisch, dass „gegen den Strom zu schwimmen“ auch ganz schön anstrengend sein kann. Doch wenn es dazu führt, wirklich lebendig zu sein, lohnt es sich allemal.

Fragen:

  • Inwiefern gestaltest du aktiv deinen Leben?
  • Gibt es Gewohnheiten, die dich frustrieren, doch etwas Gegenteiliges zu tun fällt dir schwer?
  • Was brauchst du, um dich zu motivieren dein Leben lebendig zu gestalten?