Hamster oder Roboter?

Letztens waren mein Verlobter und ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Ich hatte so semi Lust, denn mir ging es ziemlich bescheiden. Einerseits wollte ich gerne Teil der Feier sein, andererseits war mir eigentlich nur nach Heulen und im Bett verkriechen zumute. Aber ich entschied mich hinein zu gehen. Die meiste Zeit war es grausam, ich habe mich selbst als nicht gesellschaftsfähig betrachtet und war bemüht nicht vor den anderen zu heulen und ein halbwegs vernünftiges Bild abzugeben. Es war anstrengend und hat letztlich nicht gut funktioniert. Als wir nach ein paar Stunden gegangen sind, fiel die Anspannung und ich habe erstmal extrem geheult. Was war da los?

Über Roboter und Hamster

In den letzten Monaten hat sich in Gesprächen mit Freunden folgendes Bild etabliert: Jeder von uns ist ein Hamster. Er steht für das wahre Ich. Der Hamster lebt in einem großen Roboter. Dieser steht für das, was du von dir nach außen präsentierst und was die anderen sehen. Der Roboter kann auch als Fassade oder Maske bezeichnet werden. Ich behaupte mal, dass du auch einen Roboter hast. Bei manchen ist er vielleicht mehr ausgeprägt, bei anderen etwas weniger. Wenn du keinen Roboter hast, dann bist du in jeder Situation und in jedem Umfeld ganz du selbst. In den letzten Jahren habe ich meinen Roboter immer mehr optimiert. Warum?

Ich baute mir einen Roboter

An manchen Tagen mag ich den Hamster gar nicht. Zwischenzeitlich hatte ich vergessen, dass es ihn überhaupt gibt. Ich konnte mir meinen Roboter so gestalten wie ich ihn haben wollte und glaubte wie er sein sollte. Er ist stark, vorlaut, unsensibel, nicht traurig, laut, souverän und sicher. Der Hamster ist anders. Aktuell würde ich ihn als überfordert, unsicher, nervös, verletzt, schwach, kaputt und getrieben beschreiben. Um all das nicht zu zeigen, baute ich den Roboter immer weiter.

Sehnsucht nach Freiheit

In der letzten Kolumne habe ich geschrieben, dass meine Fassade anfängt zu bröckeln. Damit der Roboter weiterhin einwandfrei funktioniert, müsste er geölt werden. Das habe ich vernachlässigt. Warum?
Mir gefällt der Roboter nicht mehr. Auf Dauer ist es anstrengend jemand zu sein, der man nicht ist. Kennst du vielleicht. Und ein weiterer relevanter Punkt: Der Roboter nimmt den Hamster gefangen, er ist unfrei.
Letztes Jahr wurde ich gefragt, was ich will. Ich antwortete: „Frei sein.“ In dem Moment war ich mir nicht richtig bewusst, warum der Wunsch nach Freiheit so groß war. Jetzt erkenne ich immer mehr, wie sehr ich mich wirklich nach Freiheit sehne. Mein Hamster, mein wahres Ich, sehnt sich danach frei zu sein. Deswegen habe ich keine Lust mehr den Roboter zu pflegen.

Doch vollständig der Hamster zu sein, fällt mir schwer. Hier ist das Kernproblem: Ich will nicht der Roboter sein, aber den Hamster lehne ich auch noch ab. Bisher sehe ich vom Hamster nur Dinge, die ich als schlecht betrachte. Er ist so anders als ich bisher dachte. Zudem frage ich mich manchmal, wie der Hamster überhaupt ist. Sätze wie „Sei einfach du selbst.“ empfinde ich als plakativ. Denn was heißt das denn?

Was bedeutet Freiheit bei Jesus?

Weder Hamster noch Roboter sein zu wollen endet in Überforderung mit mir selber. Solche Überforderung, wie auf der Geburtstagsfeier. In meinem Kopf die Abwägung „Hamster oder Roboter?“ und dem Wissen, dass beides nicht richtig funktioniert. Letztlich ist die Frage, ob ich den Hamster mehr kennenlernen und sein möchte? Und ja, das will ich, denn ich will die Freiheit, die Jesus verspricht, erleben. Also nehme ich mir die Zeit meinen Hamster kennenzulernen mit dem Ziel mich selbst annehmen zu können und in die Freiheit zu gelangen. Jesus sagt, er macht mich frei. Das habe ich schon so oft gehört und scheinbar noch nicht verinnerlicht.

Dafür nehme ich mir die nächsten Wochen Zeit. Ich werde in den Urlaub fahren, entspannen, lesen, spazieren gehen, Ruhe genießen. Und ich möchte mich, Jesus und seine Sicht auf mich besser kennenlernen. Deswegen wird meine nächste Kolumne im November nicht erscheinen. Ich weiß nicht genau, wie das wird und habe keinen Plan. Aber ich verspüre Freude und bin gespannt auf die Zeit mit Jesus und meinem Hamster.