Ab wann bin ich süchtig?

Umso mehr ich mich mit dem Thema Identität und meinem Wert, den Jesus mit zuspricht, beschäftige, desto mehr fallen mir Handlungen und Lebensweisen auf, die dem eigentlich nicht entsprechen. Oft stehe ich in der Gefahr, mich über das, was ich tue, zu definieren. Dabei fühle ich mich besser, wenn ich anspruchsvolle und hochwertige Leistung erbringe. Wenn mir ein Fehler unterläuft, bin ich weniger wert. So oft zumindest meine Gedanken, die vom Leistungsprinzip völlig durchtrieben sind. Wenn ich leiste, so denke ich, genüge ich etwas mehr. Ich stehe vor mir selber und anderen besser dar. Viel zu oft treibt mich das an, manchmal peitscht es mich regelrecht durch den Alltag. Der Druck steigt und die Freude und der Blick für das Gute und Schöne geht verloren. Alles wird zu To-dos, die abgearbeitet werden müssen. Dabei gibt es kein Ende, denn es geht ja immer höher, schneller, weiter und besser.

Laufen macht den Kopf frei

Ich bin schon immer gerne aktiv gewesen, draußen an der frischen Luft oder beim Sport. Seit der vierten Klasse begleitet mich das Laufen (bei Nicht-Läufern auch “Joggen” genannt;)). Es war mal mehr und mal weniger Teil meines Alltags. Unabhängig vom Wetter zog es mich immer wieder in meine Laufschuhe. Morgens die kühle Luft, der rosa Himmel, Waldwege, das freie Feld, Nebel oder starker Wind. Oft fühlte ich mich dann lebendig. Es macht meinen Kopf frei und bringt mich runter. Und ja, manchmal ist es auch die Flucht vor dem Alltag oder bestimmten Situationen und Gedanken.

Wie viel Leistung ist genug?

In den letzten zweieinhalb Jahren ist das Pensum meiner sportlichen Aktivitäten kontinuierlich gestiegen. Ich begann mit meiner tollen Laufpartnerin drei Mal pro Woche zu laufen. Zusammen macht es einfach mehr Spaß und es entwickelt sich automatisch eine bessere Regelmäßigkeit. In den folgenden Monaten wurde es immer mehr. Ich lief auch alleine oder traf mich noch mit anderen zum Laufen. Fünf bis sechs Laufeinheiten pro Woche wurden selbstverständlich. Ich bekam Schmerzen im Knie. Aber eine Pause kam nicht infrage, das ist doch nur was für Loser. Also lief ich mit Schmerzen weiter. Gott sei Dank legten sich die Schmerzen auch wieder. Das bestärkte mich natürlich darin weiter zu machen. Irgendwann reichte das Laufen nicht mehr aus. Work-outs bei YouTube und die Zeit auf meinem Fahrradergometer wurden Teil meines Alltags. Anfangs wechselte ich täglich ab, doch das reichte mir dann auch nicht mehr. Nur eine Stunde am Tag laufen? Lieber noch für ne Stunde auf das Fahrrad, ein kleines Work-out für den Oberkörper und dann ja noch dehnen und auf die Faszienrolle. Es war einfach kein Ende in Sicht. Immerhin hielt ich mir den Sonntag sportfrei. Stattdessen meldete sich dann mein schlechtes Gewissen, wenn ich mir nach dem Gottesdienst einen Döner gönnte. Ich beruhigte es damit, dass ich ja an jedem anderen Tag der Woche einen sportlichen Ausgleich schaffen konnte.
Das Ganze beeinflusst also auch meine Essverhalten. Ich erlaubte mir, bestimmte Dinge nur zu essen, wenn ich dafür genug Sport gemacht habe. Und wenn spontan tagsüber dann doch ein bestimmter Snack dazukam, musste abends eben noch mal das Fahrrad herhalten. Treffen in Gruppen mit gemeinsamen Essen lösten in mir unterbewusst Stress aus, besonders wenn ich es nicht einplanen konnte. All das führte zu Spannungen in meinem Zeitmanagement und dem Kampf mit meinem Gewissen.

Bin ich süchtig?

Aber warum all das? Durch Sport will ich mich besser machen, Anerkennung erlangen. Heute habe ich zwei Stunden Sport gemacht, heute war also ein guter Tag. Hast du gut gemacht, Jule, du darfst mit gutem Gewissen schlafen gehen. So meine Gedanken. Es gibt mir Identität. Weiß ich, dass das eigentlich nicht nötig ist? Ja. Aber wissen ist das eine … Mir ist in den letzten Wochen erst richtig bewusst geworden, wie sehr ich meine, den Sport wirklich zu brauchen. Eine Sportpause konnte ich mir maximal für zwei Tage vorstellen. Danach kam dieser Zwang in mir, es tun zu müssen. Es schien so, als ob ich keine Wahl hätte, wenn ich bestimmte Dinge essen oder Ziele erreichen möchte. Ich brauchte es. An Pausentagen war ich unruhiger, unzufriedener und ungeduldiger mit mir und meinem Umfeld. Als ich mir traute, das zu realisieren, dachte ich F*** das ist gar nicht gut.
Vorher habe ich die Entwicklung beobachtet, aber nicht wahrhaben wollen. Eines Abends saß ich dann mit meinem Freund zusammen und wusste, dass ich die Reißleine ziehen muss, bevor es noch mehr wird. In dem Moment machte mir die Vorstellung, keinen Sport machen zu können, Angst. Ich stellte mir die Frage, ob ich süchtig bin. Vielleicht? Ich weiß nicht genau, wie Sucht definiert ist. “Professionelle” Tests im Internet zur Sportsucht ergaben Ergebnisse, die ich nicht hören wollte. So kam es, dass ich mich zwei Tage später das letzte Mal mit meiner Laufpartnerin traf, vorerst. Sie hatte zum Glück Verständnis. Auch mit Work-outs und dem Fahrradergometer ist es erst mal vorbei.

Meine Identität in Jesus

Aktuell bin ich also auf Entzug. Das klingt dramatischer, als es ist. Aber richtig leicht fällt es mir auch nicht. Die ersten Tage waren echt gut, von mir fiel irgendwie eine Last und Stress ab. Doch es überkommt mich auch Traurigkeit, wenn ich andere Läufer sehe. Ich möchte doch auch so gerne. Aber ich glaube, der harte Cut ist hier nötig. Jetzt kann lernen ich mich über Kuchen essen mit Freunden zu freuen. Und es kann auch ein guter Tag gewesen sein, wenn ich keinen Sport gemacht habe oder Schokoeier gegessen habe, obwohl ich sie nicht vorher abtrainiert habe. Und das fällt mir schwer.
Um eins klarzustellen, ich will keine Werbung für ein Leben ohne Sport machen. Ich wünsche mir, dass ich irgendwann wieder welchen machen kann. Aber aus der richtigen Motivation heraus. Ich wünsche mir, dass ich in den nächsten Wochen meine Identität in Jesus immer mehr kennenlernen, annehmen und aus ihr heraus Leben kann. Und diese Identität und der Wert ist unabhängig von Dingen, die ich tue oder eben auch lasse. Ich kann mich nicht selbst gerecht machen, geschweige denn erlösen.
Meine Identität in Jesus und mein Wert, den er mir zuspricht, ist das, was bleibt. Das fordert mich heraus, macht mir manchmal Angst, trotzdem will ich immer mehr darauf bauen und danach leben. Denn ich hoffe und glaube darin echtes Leben und wahre Freiheit zu finden.