Gutes wächst langsam

Hast du schon mal probiert einen Avocado-Kern einzupflanzen? Ich schon! Direkt danach habe ich mich gefragt, ob ich einem neuen Trend zum Opfer gefallen bin. Auf Youtube, Instagram und co. finden sich unzählige Anleitungen für die Aufzucht eines Avocado-Bäumchens. Bis ins kleinste Detail wird beschrieben, wann was in welcher Weise zu tun ist, um eine hübsche und vor allem besonders hippe Zimmerpflanze heranwachsen zu lassen. Ehe man sich versieht ist man Teil der „Urban-Jungle-Community“..

Bei mir ging es nicht ganz so schnell. Verheißen wurde mir von einer netten Instagram-Bloggerin, dass – mit ihrer ausgefuchsten Methode – schon nach ein bis zwei Wochen erste Wurzeln zu sehen sind und dann auch der Trieb zum Vorschein kommt. Geduldig und vorfreudig habe ich gewartet. Woche um Woche. Wie ein Held hegte und pflegte ich meinen kleinen Kern. Alle drei Tage galt es das angefeuchtete Küchenpapier zu wechseln, das den Kern umhüllte und mit Wasser versorgte. Wohnung bezog das feuchtnasse Bündel in einem kleinen, provisorischen Ikea-Vorratsglas-Gewächshaus direkt am Fenster bei besten Temperatur- und Lichtverhältnissen. Doch es passierte nichts. Als mein kleiner Kern selbst nach fünf Wochen nicht den Ansatz einer anatomischen Veränderung zeigte, begann ich mich langsam aber sicher aus der „Urban-Jungle-Community“ zu verabschieden.

Wer kommt denn auch auf die absurde Idee in unserem rauen, nordischen Klima tropische Pflanzen heranzüchten zu wollen?! Die zeitlichen Abstände zwischen den Pflegeritualen wurden größer und größer und in der achten Woche hatte ich den kleinen Ikea-Brutkasten am Fenster schon fast vergessen. Nach der neunten Woche sah ich dann doch noch einmal nach – aber mein kleiner Kern sah immer noch aus wie frisch aus der Avocado geschält. Wütend wollte ich der Sache ein Ende setzen, ergriff das labbrig-feuchte Bündel und ging in Richtung Biomüll. Ich hatte ihn schon geöffnet, aber dann stockte ich. Mir schoss eine Geschichte aus der Bibel in den Kopf:

„Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt. Er kam und schaute nach, ob Früchte daran waren – aber er fand keine. Da sagte er zu seinem Weingärtner: Sieh doch: Seit drei Jahren komme ich schon und schaue nach, ob an diesem Feigenbaum Früchte sind – aber ich finde keine. Jetzt hau ihn um! Wozu soll er den Boden noch weiter auslaugen?

Aber der Weingärtner antwortete ihm: Herr, lass ihn noch dieses Jahr stehen. Ich will die Erde um ihn herum noch einmal umgraben und düngen. Vielleicht trägt der Baum im nächsten Jahr doch noch Früchte. Wenn nicht, lass ihn dann umhauen.“ (Lukasevangelium, 13,6-9 Basisbibel)

„Wie beuscheuert!“, habe ich im ersten Moment gedacht. Aber meine Wut war plötzlich einem tiefem Mitleid für meinen kleinen Avocado-Kern gewichen. Ich machte den Müll wieder zu, wiederholte das Pflegeritual und setzte meinen kleinen Freund wieder in sein Gewächshaus am Fenster. „Vielleicht nicht ein Jahr…“, dachte ich, „aber eine Woche kannst du ihm schon noch geben!“

Vielleicht findest du meine Geschichte ein bisschen kitschig. Mag sein. Aber als ich einige Zeit später an diese sonderbare Begebenheit mit meinem kleinen Avocadokern zurückdachte, ist mir eine Sache aufgefallen: Ich habe nur sehr wenig Geduld mit Dingen, die einfach etwas mehr Zeit brauchen. Nehme ich mir zum Beispiel an einem Tag ein bestimmtes Arbeitspensum vor und schaffe es nicht, bin ich massiv von mir selbst enttäuscht; selbst dann, wenn es von vornherein unrealistisch war, das gesteckte Ziel zu erreichen. Wenn eine Sache länger dauert als angekündigt – die Pizza im Ofen, die Baustelle vor der Haustür oder eben das Wurzelschlagen meines Avocadokerns – verliert sie in meinen Augen sehr schnell an Wert und ich traue ihr kaum mehr etwas zu.

„Vielleicht trägt der Baum im nächsten Jahr doch noch Früchte.“ Die Geschichte aus der Bibel gibt uns keine Garantie, dass es sich in jedem Fall lohnt mit allem und jedem Geduld zu haben. Sie macht uns aber Mut noch etwas zu warten, die Hoffnung nicht aufzugeben und vor allem gnädiger mit den langsamen Dingen in unserem Leben zu sein.

Als ich in der zehnten Woche das feucht-warme Küchenpapierbündel öffnete, staunte ich nicht schlecht. Mein kleiner Avocadokern hatte nicht nur einige hübsche Wurzeln ausgebildet. Ganze fünf Triebe hatten sich den Weg durch den harten Kern gebahnt! (Das ist für Avocados ziemlich besonders, da die Pflanze meist nur einen, in seltenen Fällen zwei Triebe ausbildet.) Und mein kleiner Kern hatte fünf! Ich platzte fast vor Stolz..

Manchmal lohnt es sich geduldig zu sein.

PS: Leider haben am Ende doch nur zwei Triebe überlebt. Man kann nicht alles haben. Aber dafür sind die besonders schön geworden! Außerdem möchte ich diese Kolumne meiner Frau widmen, die entschieden zur erfolgreichen Aufzucht unserer Trend-Pflanze beigetragen hat.