Worauf wollen wir hoffen?

Ich habe
die Hoffnung
verloren.
Vorne
An der Supermarktkasse
Muss sie beim Zahlen
Aus der Tasche
gefallen sein
Ist mir entglitten
Zwischen rutschigen Fingern
Und emsigen Schritten
Versehentlich zu Boden geschlittert

Und du sagst mir verbissen,
Du hast sie gefunden
Aber kannst sie mir nicht zeigen
Zwischen den Zeilen
Meine ich beizeiten
Fast schon Spot zu erkennen
Oder was kann das schon bedeuten,
Wenn du mein Fragen nur müde weglächelst
Ohne Namen zu nennen

Hoffnung ausgehöhlt mit Phrasen
Wiederholst du die Worte, bis sie tot sind
Greifst tief ins Fass
Und tust so, als wär‘ da Boden

Worauf wollen wir hoffen?
Und wieviel davon?
Wieviel Gewicht hält dein Wort wirklich?
Wo hört es auf, wo fängt es an?

Und während wir suchen
und streiten
und uns verrückt machen
Wartet die Hoffnung
vorne am Ausgang
Schaut uns zu
Und muss lachen

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Hoffnung. Das Thema Hoffnung beschäftigt mich seit ein paar Wochen, und ich weiß gar nicht, woher das so plötzlich kam. Vielleicht, weil die Welt eine einzige Krise ist und Hoffnung umso essenzieller erscheint. Vielleicht, weil der Begriff Hoffnung inflationär viel gebraucht wird, ich aber oft gar nicht genau weiß, was Menschen konkret damit meinen – aber genau das eigentlich interessant finde: Aus welchen Steinen bauen sich meine Mitmenschen eigentlich dieses Gebilde, das sie Hoffnung nennen? Was lässt sie hoffen? Diese Fragen stelle ich im Moment sehr ernsthaft vielen Menschen. (Und ich bin wirklich an Antworten interessiert! Schreibt mir gern alles, was ihr dazu denkt in die Kommentare.)

But first, let’s have a look at Hoffnung. Was ist überhaupt diese Hoffnung? Ich habe bisher für mich folgende Antworten gefunden: Hoffnung könnte die Fähigkeit sein, sich eine bestmögliche Version einer Zukunft zu malen, die weit über das, was bisher zu sehen ist oder realistisch erscheint, hinausgeht. Ein verschwenderisches Träumen von dem, was möglich sein könnte. Die Idee, wie das zukünftige Ungewisse geformt sein könnte. Hoffnung ist häufig an das gekoppelt, was noch nicht oder nur in Ansätzen sichtbar ist. Zu hoffen ist tollkühn, weil es immer mit dem Risiko einhergeht, enttäuscht zu werden. Nämlich dann, wenn die Realität am Ende ein anderes Bild zeigt als das, was ich mir da vorher ausgemalt habe.

Aber: Hoffnung hat Schlagkraft. Hoffnung ist ein krasser Katalysator, ein Teilchenbeschleuniger. Denn Hoffnung treibt an. Menschen, die Hoffnung haben, können nicht stillstehen. Corrie Ten Boom, Martin Luther King, Dietrich Bonhoefer – alles Menschen, die in heftigsten Situationen trotzdem hoffen konnten und, so behaupte ich, durch ihre Hoffnung überhaupt erst fähig waren, sich für das einzusetzen, was ihnen wichtig war.

Und irgendwie scheint es in der menschlichen DNA verankert zu sein, Hoffnung zu brauchen. Menschen, die keine Hoffnung empfinden, sehen häufig keinen Sinn mehr im Leben und empfinden es als belastend, zu leben. Kann ich mehr als nachvollziehen.

Wir halten also fest: Hoffnung ist krass, wir brauchen Hoffnung. „Geil, Hoffnung, davon haben wir viel, hier nimm‘ die Bibel!“, höre ich da schon innerlich diverse Christen rufen. Denn der christliche Kontext scheint voll von Hoffnung zu sein, jedenfalls wird das Wort dort überproportional viel benutzt: Hoffnung für die Welt, Hoffnung für das Umfeld, Hoffnung für Alle, Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung, hier nimm – Hoffnung.

Und das ist schön. Zumindest in der Theorie. In der Praxis frage ich mich, wer davon wirklich Hoffnung hat und wenn ja, worauf. Denn bei meiner „Worauf hoffst du?“-Umfrage merke ich, dass eigentlich nur sehr wenige Menschen erklären können, worauf sie hoffen. Und das Christentum ist meiner Meinung nach as usual vorne mit dabei, wenn es darum geht, mit Floskeln bei der Erklärung von Hoffnung um sich zu werfen. Und ich bin so satt und müde von ausgenudelten Floskeln, denn in all diesen Phrasen fehlt mir oft die Ehrlichkeit. Mir fehlt die Antwort auf die Frage, worauf genau gehofft wird und warum – und das ohne die auswendig gelernten Bibelverse. Mir fehlen die Fragezeichen und Zweifel, inmitten derer diese Hoffnung steht – oder vielleicht auch ganz oft nichtmal steht, sondern eher so im halbliegen rumdümpelt. Die ‚aber‘ und ‚vielleichts‘ und ‚wahrscheinlichs‘.

Ich habe mich von dem Gedanken verabschiedet, dass Hoffnung dieses Brennen im Herzen oder Kribbeln im Bauch sein muss, das mich bedingungslos antreibt. Ich kann so tun, als gäbe es nichts, was mir Hoffnung nehmen könnte, aber das stimmt nicht. Denn meine Hoffnung kann sehr fragil und wackelig sein.

Manchmal hoffe ich auf mehr Hoffnung, und manchmal muss das reichen, weil das alle Hoffnung ist, die ich für den Moment aufbringen kann. Manchmal ist meine Hoffnung ein „und trotzdem“, das ich der Welt entgegenspreche. Welt, du bist ungerecht. Du bist merkwürdig. Du scheinst mir mehr als oft kein sehr guter Ort zum Leben zu sein. Und trotzdem.

Manchmal ist meine Hoffnung ein Höhenflug. Dann bleibt es nicht beim Trotzdem, sondern es gelingt mir, tollkühn die verschiedensten Varianten bestmöglicher Zukünfte vor mein inneres Auge zu malen. Und an besonders guten Tagen muss ich noch nicht einmal selbst malen, die Hoffnung und Bilder kommen von ganz allein.

Ich glaube, dass Hoffnung sich nur sehr schwer kultivieren lässt und manchmal auch furchtbar absurd ist. Sie kommt oft dann, wenn man Null mit ihr rechnet, und lässt sie sich aus unerfindlichen Gründen nicht zähmen. Aber ich habe mich trotzdem gefragt, ob man ihr nicht etwas Hilfestellung beim Wachsen geben kann. Sie ehrlich sucht, ohne sich an ihr zu verkrampfen. Schauen, was sich hinter den Phrasen verbirgt, und das Echte darin finden. Und schauen, was es bedeuten kann, Hoffnung zu haben: für sich, für die Mitmenschen, für die Gesellschaft. Und zu welchen Taten diese Hoffnung ein Antrieb sein kann.

Hoffnung könnte nämlich außerdem sein: das bestmögliche Bild einer möglichen Zukunft nicht nur zu zeichnen, sondern so mutig zu sein, ihr schonmal entgegenzugehen. Ich bin immer noch auf der Suche nach dem Wie, aber lass‘ uns gern in einem Jahr nochmal drüber quatschen.