Neue Narrative braucht das Christentum – Teil 1

„Wofür schlägt dein Herz eigentlich so? Wo willst du mal hin mit deinem Leben?“, fragte mich eine Freundin neulich. Und puh, ich mag so ewig in die Zukunft gerichtete Fragen nicht unbedingt – 10-Jahrespläne stressen mich, und nein, ich habe auch nicht diese eine große Vision, wo ich mit meinem Leben mal hin möchte. Eine Antwort auf diese Frage hatte ich in diesem Moment aber trotzdem: Ich möchte nicht nur für mich leben. Ich möchte mit Menschen durchs Leben gehen, ich möchte Orte der Gemeinschaft bauen für Menschen, die eine Stelle zum Andocken suchen. Auch für Menschen, die sich nicht gesehen fühlen. Und dann musste ich ganz schnell an christliche Gemeinschaften denken, und das Herz wurde mir sehr schwer.

Meine Erfahrungen mit Gemeinde

Ich glaube, dass die meisten christlichen Gemeinden auch diesen Anspruch an sich haben: ein Ort zu sein, an den Menschen kommen können. Ein Ort der bedingungslosen Annahme zu sein, ein Ort für Menschen zu sein, ein Ort, wo – und ich denke, viele würden das so sagen – „Menschen Gottes Liebe spüren und erleben können“.

Ich war in meinem Leben vor allem im freikirchlichen Kontext unterwegs und kann mich mit meinen Erfahrungen deswegen vor allem nur auf diesen Kontext beziehen. Aber wenn ich an die Gemeinden denke, die ich schon erlebt habe, dann sehe ich auch oft, dass Liebe und Annahme in solchen Kontexten sehr wohl an Bedingungen geknüpft sind. Diese Bedingungen werden oft nicht explizit in dieser Form ausgesprochen, existieren aber sehr deutlich und werden subtil kommuniziert, sehen aber in etwa so aus:

Du möchtest Teil von uns sein? Dann:
… sei heterosexuell.
… sei – wenn in einer Beziehung – verheiratet.
… sei nicht psychisch krank (gibt’s das überhaupt?).
… kümmere dich um deine Probleme.
… rauche und trinke nicht.
… hab am besten keine Probleme.
… falls du doch Probleme hast: schnell wegbeten!

Die Liste ließe sich um viele Punkte erweitern und ja, sie ist sehr überspitzt formuliert; und dennoch erleb(t)e ich diese Punkte in der Realität mehr oder weniger stark. Ich frage mich manchmal, ob sich Gemeinden bewusst sind, dass sie so eher eine Schamkultur prägen als eine Kultur der Annahme. (Und dass diese Haltung auch ganz schön arrogant ist.) Scham kann man nämlich ganz einfach auf zwei Arten kultivieren: Man spricht erstens über bestimmte Themen nicht, oder spricht zweitens nur abwertend, negativ und verurteilend über sie. Beides passiert schnell, auch mit oben genannten Punkten.

Mein Bild von Gemeinde hat sich verändert

In meinem ersten Artikel auf keineinsamerbaum habe ich erzählt, wie sich mein Bild von Gott – und damit auch vom Christsein – in den letzten Jahren verändert hat. Und in letzter Zeit merke ich immer wieder: an diesem Punkt auch.
Ich bin manchmal sehr müde davon zu sehen, wie Gemeinden den Anspruch an sich haben, offene Orte zu sein, und gleichzeitig mit dem, was und wie sie kommunizieren, eher eine Schamkultur schaffen, in der Menschen sich nicht trauen, ehrlich zu sein, weil klar ist, dass dann verurteilt oder im schlimmsten Fall auch rausgeworfen wird. In einem Podcast erzählte neulich ein Künstler von einer Freundin, die nicht mehr in Gemeinden gehe. Als Antwort auf die Frage, was sich seitdem für sie verändert habe, erzählte sie: „Die Scham und die Angst sind aus meinem Leben verschwunden.“ Wow. Wie krass ist das denn? Wie passiert es, dass sich Gemeinden zu Orten der Scham und Angst entwickeln können?

Unsere Christenblase ist nicht heil

Als Sprachenliebhaberin glaube ich, dass Sprache und Narrative, die wir verwenden, einen nicht unerheblichen Teil dazu beisteuern, denn hey, seien wir ehrlich: die christliche Subkultur ist manchmal so einheitlich unter sich, dass sie vergisst, dass die Welt mehr ist als eine kleine heile Christenblase – und vor allem, dass die Christenblase nicht so klein und heil ist, wie sie behauptet, zu sein. Dass sie auf vieles auch keine Antworten hat und manchmal eher mit den Schultern zuckt. Dass da manchmal mehr Fragezeichen und vages Hoffen sind als festes Wissen.

Ich kenne Menschen, denen solche Aussagen Angst machen – vielleicht, weil sie ihren persönlichen Glauben oder ihre Gemeinde damit in Frage gestellt sehen. Ehrlich gesagt, machen mir solche Erkenntnisse eher Mut: ist doch mega gut, wenn unsere Blase nicht heil ist – come on, als wäre für uns alles gut. Als wäre alles immer leicht. Als wäre da nichts, das wir verstecken wollen. Als gäbe es auf alles die einfachen Antworten. Als könnten wir immer Recht haben. Ich glaube, wenn es uns gelingt, mehr von diesem Nicht-heil-sein zu zeigen, und vor allem zu kommunizieren, schaffen wir es auch, dass zu sein, was wir eigentlich sein wollen: ein Ort, der nicht Scham reproduziert, sondern ein offener Ort des Angenommenseins.

(Fortsetzung folgt)

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