Countdown läuft, Panik steigt

Diese Überschrift fasst mein aktuelles Leben ganz gut zusammen. Vor einigen Wochen habe ich Post bekommen: Die Zusage für einen Master im Studiengang Biografisches und Kreatives Schreiben in Berlin, der im Oktober beginnt. „Okay, cool!“, habe ich mir gedacht. Und mich gefreut. Und dann kam die Panik. Aber vielleicht nochmal von ganz vorn:

Ich mag Schreiben. Gedichte, Geschichten, Slam Texte, alles sowas. So richtig ernst mit mir und der Schreiberei ist es 2017 geworden, dem Jahr in dem ich das erste Mal das Gefühl hatte, dass es gut ist, mehr Zeit und Energie in das Schreiben von Texten zu stecken. Irgendwann war dann auch klar: Der nächste Schritt ist, diese Texte zu teilen. Seitdem bin ich auf diversen Poetry Slam Bühnen herumgesprungen, habe viel ausprobiert, gezittert, geteilt, genossen und vor allem gelernt. Wer aus meinem Freundeskreis diese Zeit mitverfolgt hat, weiß um die Angst, Selbstzweifel und Überwindung, die mich jeder Auftritt gekostet hat und oft auch immer noch kostet.

Für mich war der Sprung in das Schreiben wie der Eingang in eine neue Welt: Viele Zweifel und Fragen, die mich in der Zeit bewegt haben, hätte ich, glaube ich, nie so gebündelt aussprechen können. Schreiben hat mir nicht nur geholfen, meine Gedanken zu sortieren, sondern auch mich mit anderen und neuen Perspektiven kreativ auseinanderzusetzen. Coole Sache also. Es könnte alles so bleiben, wäre da nicht irgendwo in mir das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Dass Schreiben noch mehr Platz in meinem Leben verdient hat als das kleine Hobby am Rand, das meistens dann zur Seite gedrängt wird, wenn der Alltagsstress zu viel wird. Dazu bin ich Sozialarbeiterin und mir gefällt der Gedanke, Schreiben und Soziale Arbeit noch mehr zusammenzubringen. Umso cooler war der Moment, in dem ich besagten Studiengang in Berlin eher zufällig entdeckt habe – ein Studiengang, der literarisches Schreiben fördert und gleichzeitig mit Sozialer Arbeit kombiniert? Geil! Dann muss ich da ja nur noch irgendwie reinkommen.

Über ein Jahr habe ich über die Entscheidung nachgedacht, mich auf das Studium zu bewerben, habe Kosten überschlagen und mir den Kopf zerbrochen, habe irgendwann mein 40-seitiges Bewerbungspamphlet nach Berlin geschickt und mir dann selbstzufrieden gedacht, dass es jetzt das Problem der Hochschule ist, darüber zu entscheiden, ob ich für diesen Studiengang geeignet bin. Und dann: Zack. Zusage. Oh. „Habt ihr in Berlin euch das gut überlegt?“, war einer meiner ersten Gedanken.

Denn da kamen sie plötzlich alle wieder hochgekrochen, die Selbstzweifel und Ängste. Bin ich überhaupt dafür geeignet? Ich kann ja eigentlich gar nicht so gut schreiben – habt ihr das denn nicht gemerkt, als ihr mein Portfolio gesehen habt? Was, wenn mir im Studium permanent gespiegelt wird, wie schlecht ich bin? Ich habe Angst vor enttäuschten Dozenten, die sich meine Texte anschauen und nur immer wieder traurig mit dem Kopf schütteln und am Ende sind wir alle gemeinsam darüber frustriert, dass ausgerechnet ich in den Studiengang gekommen bin anstatt Jean-Pierre aus Köln, der bestimmt viel besser und künstlerisch wertvoller schreibt als ich.

Hinter all dem steht oft die Angst, dass Menschen mir eine Berechtigung fürs Schreiben absprechen wollen. Oder generell Schreiben sinnlos finden. Oder, wenn ich schreibe, von mir erwarten, dass alles super christlich wird und jede Geschichte gut endet. Oder dass alles verstanden werden muss. Und schlussendlich ist da auch immer wieder die Angst vor der eigenen Vulnerabilität. Denn Schreiben heißt: Ich zeige mich dir in meinen Texten. Und ich mache mich damit verletzlich. Immer. Und wenn im Studium permanent Menschen die eigenen Texte durchanalysieren ist das zwar auch cool und hilfreich, aber auch ein bisschen furchteinflößend.

Gestern Abend bin ich über ein Zitat von Bob Goff gestolpert, der sagt: Fear will always try to talk us into lesser things. Und meine Angst will mich oft zum Schweigen bringen. Wenn ich nicht perfekt sein kann in dem was ich tue, sage oder eben schreibe, dann drehe ich mich lieber um und gehe. Und wenn ich nichts Gutes habe, was ich dir zeigen oder präsentieren kann, dann habe ich Angst vor dem, was du denken könntest, wenn du meine Imperfektion siehst.

Ich habe mich entschieden, mich dieser Imperfektion zu stellen. Nach ein paar Tagen Grübelei habe ich meinen Studienplatz angenommen. Warum? Weil ich immer wieder sehe, was es für eine Kraft hat, wenn Menschen sich – beispielsweise durch Kunst – verletzlich machen. Wenn meine Mitbewohnerin das erste Mal auf der Bühne steht und ihre selbstgeschriebenen Lieder teilt, wenn mein Bruder das erste Mal einen Text vorliest, wenn im Seniorenschreibcafé Menschen das erste Mal ihre Lebensgeschichte aufschreiben und vor allem vorlesen – dann fühle ich Leben. Eine Lebendigkeit, Verletzlichkeit und Echtheit, die diese Welt bitter nötig hat. Manchmal auch die Bitterkeit oder den Humor, die das Leben eben so mit sich bringt. Wir brauchen sie, die Schreiber und Musikerinnen, die Choreographen und Künstlerinnen. Wir brauchen ihre Offenheit, ihren Tiefgang und ihre Fragen. Und ich habe keine Lust mehr, mir etwas anderes einreden zu lassen.

Hallo, ich bin Jasmin, ich studiere bald was mit Schreiben. Und ich habe Bock drauf.