Ein hoffnungsloser Fall?

Da saßen wir nun. Ich als verständnisvoller Sozialpädagoge – er ziemlich abwesend und zugekifft.  Unsicher lächelnd erzählte er mir von seinem Leben. Von seinen Geschwistern, seinen Eltern, seinem Versagen, seinem Zorn und seinem Hass. Er fühlte sich ziemlich sch**ße und hatte kaum Hoffnung auf ein gutes Leben.

Jemand, der das Licht anmacht

Ein gutes Leben? „Ich habe nicht verdient, ein gutes Leben zu leben. Eigentlich habe ich gar kein Leben verdient.“ Wie oft hatte ich dies schön gehört. Nach wie vor verspüre ich eine Unruhe bei solchen Aussagen. Keine Unsicherheit, sondern eher ein Zögern. „Ja, eigentlich hast Du kein gutes Leben verdient. Du hast gelogen, gestohlen, geschlagen, ge..“ Das sagte ich natürlich nicht – dachte es mir aber. Verdient hätte er auf jeden Fall was anderes. Aber ich bin ja nicht als Richter in diese Welt gesetzt – sondern als jemand, der immer wieder auf den hinweisen soll(te), der ein Leben mehr als reich macht.

Hoffnungslosigkeit ist so weit verbreitet in dieser Welt. Auch in der kleinen Welt um mich herum. Nur das Licht hilft gegen absolute Finsternis und Hoffnungslosigkeit. In einer ausweglosen Situation muss jemand kommen, Mut machen und Gottes Zusagen zusprechen – also das Licht anmachen. Theoretisch einfach – praktisch doch etwas herausfordernd und schwieriger.

Eine extra Portion Barmherzigkeit

Aber zurück zum Anfang. Da ist ein junger Mensch, der all seinen Mut aufbringt und mir einen kleinen Einblick in seine Seele und sein Herz gibt. Alles sehr finster und dunkel. Das, was er mir erzählt, reicht aus für eine Inhaftierung. Aber so schlimm all die Aussagen auch sind – schockieren tun sie mich nicht. Aus fachlicher Sicht würde ich fast sagen – hoffnungslos verloren.

Gott sei Dank ist der fachliche Blick aber nicht mein Leitblick. Es ist eher so, als ob ich in solch Momenten eine extra Portion Gnade und Barmherzigkeit für mein Gegenüber erhalte. Ich schau ihn direkt an – mehr und intensiver als ich es üblicherweise mache. Und auf einmal sehe ich ihn:
Da ist ein junger Mensch – tief verletzt, voller Scham, voller Angst, absolut verloren. Ein junger Mensch, der so viel Ablehnung und so wenig Liebe erfahren hat. So viel körperliche Gewalt und so wenig Umarmung. So viel erlebte Trauer und so wenig erlebter Trost. Ich sage meinen Jugendlichen immer, dass die Bedürfnisse eines jeden Menschen gleich seien – jeder möchte geliebt werden und dazugehören (ich übrigens auch). Mein Gegenüber hat keines von beidem im ausreichenden Maße erlebt. Aber auch er hat eine Sehnsucht, die er noch nicht so richtig in Worte fassen kann.

Ich spürte die Liebe Gottes für sie

Innerlich denke ich bei solchen Begegnungen zurück an das Jahr 1991. Ich war damals in Schottland auf einer Jüngerschaftsschule bei Jugend mit einer Mission. Und dort auf einem sozial-missionarischen Einsatz erlebte ich etwas, was es in meiner Heimatkleinstadt nicht gab – Gangs von Teenagern, Gewalt in einem erschütterlichem Maße, offener Drogenverkauf und einiges mehr. Aber ich erlebte auch etwas anderes:
Mit einer kleinen Gruppe waren wir mal wieder im Randgebiet von Glasgow unterwegs. Dort halfen wir Familien, ihre Bude aufzuräumen, luden sie zum Essen ein und verbrachten Zeit mit einigen Kindern und Teenies. Und als ich an einem dieser Abende mal wieder allein war, brach es über mich hinein. Es war so, als ob ich den Schmerz und die Verzweiflung der Teenager förmlich spüren konnte – und parallel die Liebe Gottes für diese jungen Menschen. Seitdem ist mein Blick nicht mehr derselbe und ich bete, dass ich diesen Blick nie mehr verliere. Aus dieser Zeit stammt auch meine Liebe für das Buch “Das Kreuz und die Messerhelden”.

Geblieben ist auch Hoffnung

Seit 1991 sind ein paar Jahrzehnte vergangen – aber die Menschen haben sich nicht so sehr verändert. Immer noch Wut, Zweifel, Gewalt und Hass. Das sehe ich an meinem Gegenüber. Aber geblieben ist auch Hoffnung.
Ich frage mich, wie denn Hoffnung fassbar und greifbar wird. Worte scheinen da irgendwie nicht zu reichen – zumindest in den meisten Fällen nicht. Dennoch.

Im Brief an die Römer steht: „Aber wie kann man jemanden anrufen, an den man nicht glaubt? Oder wie kann man an jemandem glauben, von dem man nichts gehört hat? Und wie kann man von jemandem hören, wenn es keine Verkündigung von ihm gibt?  Wie aber kann es eine Verkündigung geben, wenn niemand dazu ausgesandt wurde?“

An die Frommen unter Euch: Lasst Euch senden – deine kleine Welt um dich herum braucht nicht in erster Linie ein Schönreden von Dingen, ein Mitklagen, einen Kaffeeklatsch, ein Nichteinmischen oder sonst etwas in der Art. Unsere kleinen Welten brauchen Hoffnung. Sei ein Hoffnungsträger.

An die Nicht-Frommen: Wenn Du wüsstest, wer Du wirklich bist und wie sehr Du geliebt wirst – dein Leben wäre nicht mehr das Gleiche. Hoffnung ist viel näher als Du denkst. Auf deinen Knien vor dem Kreuz wird die Hoffnung lebendig und real.

Wie die Geschichte mit dem jungen Kerl ausgeht? Ich weiß es nicht. Er hat sich noch nicht finden lassen. Aber er ist auch nicht hoffnungslos verloren.

Drei kleine Fragen:

  • Wer ist hoffnungslos für dich?
  • Für wen sollst Du ein Hoffnungsbringer sein?
  • Wo fühlst Du dich hoffnungslos?