Der Segen, etwas nicht mehr zu haben

Segen. Segen habe ich bislang überwiegend in Verbindung gebracht mit etwas haben, etwas bekommen. Gute Beziehungen. Gesundheit. Einen guten Job. Kinder. Bewahrung. Und Segen bedeutet letztlich auch, jemanden Gutes zuzusprechen. Vor einigen Wochen hat sich mein Blick allerdings sehr geweitet, was Inhalt und Bedeutung von Segen sein kann.

Jeder hat seine Gottesgeschichte

Wir waren mit einer Gruppe von Verantwortungsträgern meiner Gemeine in Wittenberg und haben dort ein sehr angenehmes Wochenende verbracht. Nicht zu viel Programm, nicht alles eng gepackt, sondern wirklich viel Zeit für Austausch und Gespräche.
Ich mag solche Tage. Begegnungen mit Menschen, die ich etwas kenne, mag und schätze. Und viel Zeit, den anderen doch noch ein wenig mehr kennenzulernen. Und so entdeckte ich mal wieder unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Geschichten. Menschen, die im christlichen Kontext groß geworden sind aber auch Menschen, welche dieses Privileg nicht hatten. Menschen, die den Glauben ihrer Eltern erlebt hatten und einen eigenen Glauben gefunden haben. Aber auch Menschen, welche trotz christlicher Prägung erst mal viele Umwege gehen mussten, um anzukommen.
Und wenn man so beieinander ist, passiert etwas für mich total wertvolles. Der SmallTalk hat schnell ein Ende und es gibt Raum, sich den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen.  Irgendwie wurde mir mal wieder klar, dass jeder Mensch seine eigene Gottesgeschichte hat. Ich übrigens auch. Das ist schön und ich genieße es. Man hört zu und erzählt selbst. Ich mag es, irgendwie so ein Gespür zu bekommen, wie Gott Leben verändert. Das ist genial.

Gefühl von Dankbarkeit

In den gut zwei Tagen habe ich wieder selbst einen tieferen Blick bekommen für das, was Gott in meinem Leben bislang bewirkt hat. Ich dachte an alte Zeiten, telefonierte mit der Witwe meines ehemals besten Freundes (dies hatte ich lange nicht getan; wen es interessiert, wer er war, kann gerne in einem alten Text nachlesen: Danke für 37 Jahre) und spürte Dankbarkeit.
Aber dieses Mal war dieses Gefühl der Dankbarkeit anders. Ich konnte es allerdings nicht so richtig in Worte fassen.

Eine Radfahrt mit dem Heiligen Geist

Irgendwann ist dann auch so ein Wochenende vorbei und es ging Richtung Heimat, Richtung nach Hause. Anders als sonst war ich dieses Mal mit dem ÖPNV unterwegs da ich einen Teil des Rückweges Rad fahren wollte. Mich bewegen. Den Kopf von anderen Dingen freibekommen. Über ein paar Entscheidungen für die berufliche Zukunft nachdenken, die in den kommenden Monaten und 2-3 Jahren anstehen. Und irgendwie wollte ich auch alleine sein.
So stieg ich auf der Hälfte der Strecke aus dem Zug aus, steckte meine Kopfhörer in die Ohren, schaltete die Musik an, fuhr ein paar Kilometer und merkte auf einmal, dass ich nicht alleine unterwegs war. Jemand begleitete mich. Es war der Heilige Geist. Ja. Irgendwie ist er allgegenwärtig. ABER: Manchmal weiß man, dass er da ist. Manchmal spürt man seine Gegenwart Und manchmal ist er so real, als ob man ihn sehen würde.
Bei mir trafen alle drei Dinge auf einmal zu. Selten habe ich so etwas vorher erlebt. Er war da. Fuhr – so würde ich es beschreiben – neben mir. Er war über mir. Vor mir und auch in mir. Strange – das war es auf jeden Fall. Aber er selbst war mir nicht fremd. War ich ein paar Stunden zuvor noch erstaunt über alles, was Gott im Leben einzelner tat, so war nun ich an der Reihe.
Auf einmal wurden mir Ausschnitte meiner bisherigen Lebensgeschichte gezeigt. Nicht in klaren Bildern oder irgendeiner Vision. Ganz sanft und einfach wurde ich erinnert. Mal kamen mir Situationen vor Augen, mal hatte ich Gedanken über die Vergangenheit und mal fühlte ich Momente erneut nach. Und als ich so neben ihm herfuhr kamen mir Tränen. Tränen, die dazu führten, dass ich tatsächlich meine Fahrt unterbrechen musste.

Der Segen des Nicht mehr Habens

Ich bekam erneut ein Gespür für seine Heiligkeit. Seine Gnade. Seine Großzügigkeit. Seinen Segen. Und der Segen, den ich empfand und spürte, war der Segen, Dinge/Sachen/etc. nicht mehr zu haben. In diesem Rückblick sah ich mich in meiner früheren Wut und meinem Hass – davon ist nichts mehr zu spüren. Ich fühlte mein inneres Suchen, meine tiefe Sehnsucht nach Leben und Liebe – das Suchen hat mittlerweile ein Ende. Ich sah mich in Situationen, in denen ich Menschen bewusst geschadet habe, ihnen nicht vergeben konnte und/oder wollte. Ich dachte an meine Schlaflosigkeit und all die Mächte, die ich in mein Leben eingeladen hatte. Ich sah tiefe Dunkelheit. Belastungen. Und so vieles mehr. Und es ist ein Segen, diese Dinge heute nicht mehr zu haben.
Auch heute habe ich manchmal Wut, Sehnsucht, es fällt mir sogar manchmal schwer zu vergeben etc. Aber diese Dinge sind eher wie ein T-Shirt, welches ich ausziehen und reinwaschen lassen kann. Es sind keine festen Ketten mehr an mir, wie es früher der Fall gewesen ist. Und das Schöne ist: Ich vermisse das alles gar nicht. Ich habe erlaubt, dass sie mir genommen wurden. Es ist halt ein Segen, manches nicht mehr zu haben.

Danke, Jesus!

Fragen:

  • Welchen Segen des „nicht mehr Habens“ kennst Du?
  • Welchen Segen des „nicht mehr Habens“ möchtest Du erleben? Melde dich gerne bei mir.