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05. Mai 2020

#13
Ehrfurcht

von Marie Wandelt

05. Mai 2020
Lesedauer: 4 Minuten
Von Marie Wandelt


Ehrfurcht

Willkommen zu meiner Kolumne Zuflucht! Heute soll es um ein Thema gehen, zu dem mir Gott ab und an schon mal einen Stupser gegeben hat. Immer wieder ist es aufgetaucht und dann habe ich es wieder vergessen. Dabei liegt es mir sehr am Herzen: Ehrfurcht.

Du hast bestimmt schon einmal ein Bauwerk betreten, das gewaltig war. Beim Eintreten kamst du dir ganz klein vor und der Blick zur Decke ließ dich staunen. Das kann ein Theater sein, ein riesiges Hotel oder eine Kirche.
Gerade in großen Kirchen komme ich wegen der vielen kleinen und großen, schönen Details und dem kunstvoll zusammengefügten Gesamtbild gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. Vielleicht geht es dir aber auch so, dass du beim Betreten einer Kirche Unwohlsein empfindest. Dir ist alles zu groß, du selbst hast das Gefühl du verschwindest fast und die Weite fühlt sich kalt an. Ich glaube, dass Kirchen einen Aspekt Gottes widerspiegeln, den wir manchmal vergessen. Gott ist unendlich groß, mächtig und gar nicht erfassbar. Das hören wir oft und wissen es. Aber wenn du mit einem Mal in einem Raum stehst, der riesig ist, dessen Ausdehnungen du kaum begreifen kannst, dann klingen diese Worte nochmal ganz anders. Und dabei ist das, was wir da erkennen, nur ein Bruchteil der Wahrheit. Kirchen geben uns einen Funken Ahnung der Größe Gottes. Vielleicht ist dir das auch unheimlich. Oder du fühlst dich dadurch bedrückt oder wie ein kleines Sandkorn. Wie könnte ein Gott von solch enormer Größe dich schließlich sehen?
Er sieht sich. Und er liebt dich. Denn Gottes Größe ist noch gewaltiger als du dir jetzt vorstellen kannst.

Bleiben wir mal in dem Bild des Kirchengebäudes. Gott als allmächtiger Herrscher scheint so weit weg zu sein. Man scheint schnell verloren zu gehen in Anbetracht dessen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn während Gott so weit weg ist, ist er ja doch bei dir und sieht dich. Das ist so unfassbar, dass ich es dir an dem Kirchenbild nicht erklären kann, denn Gott sprengt jedes Bild.
Worauf ich aber mit dem Bild hinaus wollte, ist, dass ich beim Betreten einer riesigen Kirche Ehrfurcht spüre. Ob das gegenüber Gott, dem Gebäude oder den Erbauern ist, sei erstmal dahin gestellt.

Wenn ich im Gottesdienst bin und im Lobpreis mitsinge, aufstehe oder sitzen bleibe, der Predigt lausche und die Gemeinschaft genieße, spüre ich Geborgenheit, Wärme und Liebe – zumindest meistens.
Wenn ich in Gottes Gegenwart komme, dann ist das meistens über Lobpreis. Dabei spüre ich meist unendliche Freude, manchmal auch Schmerzen – eben, was gerade dran ist. Was ich aber so selten spüre, das ist Ehrfurcht. Am ehesten passiert es mir noch beim Wort Gottes oder beim Abendmahl, dass ich innehalte und einen Moment genieße, in dem ich voller Ehrfurcht Gott anschauen kann. Warum geht mir das nicht immer so?

Ehrfurcht heißt nicht Angst! Ehrfurcht heißt eher Staunen. Sie heißt auch Einsicht in die eigene Unvollkommenheit und die Anerkennung der Heiligkeit Gottes.
Der Gott, der die Erde und alle anderen Himmelskörper geschaffen hat, der Tag und Nacht voneinander getrennt hat, der Wasser fließen lässt. Der Gott, der alle Tiere, alle Vögel und alle Menschen gemacht hat. Der Gott, der jedes Sandkorn gezählt hat, der versorgt und der das Leben einhaucht. Das ist der Gott, von dem wir reden. Der Gott Israels ist der Gott Jesu Christi und er will auch dein Gott sein.
Gerade im Alten Testament erinnert Gott sein Volk immer wieder durch Propheten daran, was er für sie getan hat. Der Auszug aus Ägypten, die Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft oder die Bewahrung vor Feinden sind Taten der Vergangenheit, die den Israeliten vor Augen führten, wie groß Gott ist. Das überlesen wir oft oder denken es ist unnötig, weil wir es schon einmal gelesen haben und es ja vorbei ist.
Glaub mir, die Israeliten haben das auch nicht zum ersten Mal gehört. Aber sie haben es sich immer wieder bewusst gemacht, um sich Ehrfurcht zu bewahren.
Wozu brauch ich Ehrfurcht?, kannst du dich fragen.

Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis. – Sprüche 1, 7

Ich glaube, dass wir Gott erst dann anfangen zu erkennen, wenn wir ihn fürchten. Nochmal zur Erinnerung: Das heißt nicht Angst haben.
Ich glaube auch, dass Gott es verdient hat, dass wir ihm Ehrfurcht entgegenbringen. Jetzt kannst du sagen: Was haben die Erlebnisse der Israeliten mit mir zu tun? Es ist Gottes Weg in der Geschichte. Aber Gott hat nicht nur in der Geschichte gewirkt. Er wirkt auch heute. Welche guten Dinge hast du denn schon selbst erlebt? Wo hast du Gott gespürt? Das sind die Dinge, an die du dich erinnern kannst und von denen du zehren kannst. Vielleicht hast du noch nicht wirklich etwas mit Gott erlebt. Dann bete, dass das passiert und dass du seine Größe sehen darfst. Und auch wenn dir nichts einfällt – Er hat dich geschaffen!

Was ist das Gegenteil von Ehrfurcht? Eine kluge Website sagt Verachtung. Ich glaube, es fängt bei Gleichgültigkeit an. Wie oft singen wir Lieder einfach mit, ohne darauf zu achten, was wir gerade singen. Wie oft lesen wir einen Bibelvers und denken uns: Ja, schön, kenn ich. Wie oft hören wir der Predigt nicht zu, weil uns das Thema gerade nicht interessiert oder uns die Sprechweise nicht gefällt. Dabei sind das alles Nebensächlichkeiten. Die Bibel ist tausende Jahre alt und ich glaube, dass sie auch heute noch in unsere Leben sprechen kann. Wenn du das auch glaubst, warum liest du den Bibelvers dann gleichgültig, nur weil er 'ausgelutscht' ist? Er ist das Wort Gottes.

Wenn wir in Gottes Gegenwart sind oder sein Wort lesen, dann sollten wir staunen können. Wir sollten uns der Heiligkeit Gottes bewusst werden und gleichzeitig unserer Unvollkommenheit. Und das sollte uns noch mehr dazu auffordern in Gottes Nähe zu kommen und ihn in unser Leben zu lassen.
Bitte versteh mich nicht falsch, ich bin bei weitem noch nicht da, wo Gott mich haben möchte. Auch mich nerven manche Lieder oder ich finde manche Verse mittlerweile langweilig. Das heißt aber noch lange nicht, dass das so in Ordnung ist. Ich glaube, dass Gott mich immer wieder dazu auffordert ihn zu fürchten und ich möchte dich dazu herausfordern das auch zu tun. Ich glaube auch, dass das nicht von jetzt auf gleich voll umfassend passiert. Aber wir können Momente des Staunens finden und wir können versuchen uns immer wieder bewusst zu machen, wer unser Gegenüber ist. Nämlich kein kleiner Talisman-Gott, sondern der Schöpfer von Himmel und Erde.