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07. April 2020

#11
Kämpfe

von Marie Wandelt

07. April 2020
Lesedauer: 3 Minuten
Von Marie Wandelt


Kämpfe

Hallo Leute! Herzlich willkommen zurück zu Zuflucht. Ich melde mich heute, wie auch schon das letzte Mal, vom Haus meiner Eltern aus. Ich bin hierher gezogen um nicht über mehrere Wochen alleine in meiner Wohnung sein zu müssen. Das war ein Schritt, der viele neue Dinge in mir hochgewirbelt hat und deswegen wird diese Kolumne der letzten wahrscheinlich auch ein wenig ähneln.

Ich weiß nicht, wie es euch gerade zu dieser Zeit geht. Vielleicht seid ihr in Gesellschaft und lebt gemeinsam und ab und an fühlt es sich gar nicht nach Ausnahmezustand an. Vielleicht bist du aber auch alleine und hangelst dich von Tag zu Tag. Ich will euch heute von meinen Schwierigkeiten erzählen und euch gleichzeitig an meiner Hoffnung teilhaben lassen.

Wenn ihr schon öfter meine Kolumne gelesen habt oder mich persönlich kennt, wisst ihr wahrscheinlich, dass meine Eltern keine Christen sind. Ich bin in meiner Familie weit und breit die Einzige. Das war von Anfang an ein Konfliktthema zwischen meinen Eltern und mir als ich Christ geworden bin. Und jetzt und hier hoffe und bete ich, dass ich nicht in mein Leben zurückfalle wie es früher war. Ein Leben, in dem es keinen Unterschied macht, ob Gott existiert und Jesus für mich ans Kreuz gegangen ist. Ich kämpfe und muss ziemlich oft feststellen, dass es mir super schwer fällt mein geistliches Leben aufrecht zu erhalten.
Es ist ja irgendwie auch einfacher sich der Allgemeinheit anzupassen und die zurückgewonnene Harmonie zu genießen. Aber eigentlich soll ich ja ein Licht sein. Vielleicht hört ihr es raus. Ich habe Schuldgefühle Gott gegenüber und indirekt auch meinen Eltern gegenüber. Und diese Schuldgefühle sorgen dann dafür, dass ich noch weiter weg komme von Gott.
Der Ankläger versucht mich von Gottes Liebe zu trennen und mir ein harmonisches, weltliches Leben so schmackhaft zu machen wie seit Jahren nicht mehr. Und das tut mir dann auch wieder weh, wenn ich merke wie gut es funktioniert.

Zum Glück gibt es kleine Hoffnungsmomente. Ein Innehalten, was hier so schwer ist, tut mir so gut! Ich finde kleine Gottesmomente und ich darf sie nicht unterschätzen. Ich glaube, ich muss wieder von vorn anfangen und verstehen, was Gnade ist. Ich muss wieder verstehen, dass mein Wert nicht davon abhängt, ob ich heute Bibel gelesen habe oder wann ich das letzte Mal Lobpreis gemacht habe.
Trotzdem fühle ich mich schlecht. Und ich versuche immer wieder in verzweifelten Momenten diese Ängste, Lügen und diese Verzweiflung zu Jesus zu bringen. Vielleicht ist diese Zeit gerade dafür da, die Basics wieder neu zu verstehen. Vielleicht auch, um Gott in viel mehr Dingen zu entdecken als dem üblichen Christenrepertoire. Ich weiß es nicht, aber ich versuche mich an die Hoffnung zu klammern, dass Gott da ist, auch wenn ich es nicht merke. Ich versuche auch zu glauben, dass ich Licht bin, weil Gott mir seinen Heiligen Geist gegeben hat. Ich mache in der geistlichen Welt einen Unterschied, bloß, weil ich da bin. Und vielleicht ist es auch okay diesen Kampf nicht aktiv zu kämpfen sondern still zu sein und Gott kämpfen zu lassen.
Ich merke gerade, wie doll mich diese Sachen belasten. Ich habe sie bis jetzt, im Moment wo ich sie aufschreibe, nicht einmal aktiv gedacht.

Eine andere Sache, die mich hier sehr belastet, sind Familienprobleme. Ich werde nicht ins Detail gehen, aber es sind schon massive Probleme.
Hier sind so viele Dinge, die gesagt werden, verschwiegen werden oder getan werden, dass es mir täglich die Kehle zuschnürt. Das war auch schon früher so aber damals habe ich mich abgekapselt, mich zurückgezogen und wurde selbst immer stiller.
Ich glaube, dass diese Probleme mit dazu beigetragen haben, dass ich jetzt so bin wie ich bin. In mir kochen in diesen Tagen viele Verletzungen wieder hoch und ich erkenne, wie sie zustande gekommen sind und ich kann in vielen Punkten weder vergeben noch verstehen. Ich glaube, dass ich einige Dinge erlebt habe, die einfach nicht gut sind, wenn Kinder aufwachsen.

Nun kann ich das nicht ungeschehen machen. Und ich will auch gar keine Wiedergutmachung. Mir würde Einsicht genügen. Ich hoffe, dass es eines Tages dazu kommen könnte. Realistisch gesehen glaube ich das nicht. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich.
Ob ich das gerade in meinem Herzen glauben kann? Eher nicht. Aber ich kann mich an die Wahrheit klammern. Irgendwie ist hier vieles so voller Hoffnungslosigkeit. Das deprimiert mich und mein Herz zerbricht daran ein bisschen. Ich glaube auch, dass das Gott das Herz zerbricht. Deswegen hoffe ich, dass diese Zeit vielleicht etwas schenkt. Nähe? Aufwachen? Ich weiß nicht einmal, was ich beten soll. Aber ich weiß, Gott ist da.

Ich weiß nicht, ob du vielleicht zur Zeit in ähnlichen Gedanken steckst. Vielleicht fühlst auch du dich schuldig Gott gegenüber? Vielleicht bist du auch konfrontiert mit deiner Vergangenheit? Oder vielleicht erlebst du Gott ganz nah? Ich weiß auf jeden Fall, dass Er gut ist. Ich bete, dass wir das alle erfahren dürfen und ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich meine Kämpfe nicht allein kämpfe.