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24. März 2020

#10
Loslassen

von Marie Wandelt

24. März 2020
Lesedauer: 4 Minuten
Von Marie Wandelt


Loslassen

Hallo Leute und herzlich willkommen zu "Zuflucht" Ausgabe 10. Juhu, wir sind zweistellig!
Heute Nacht habe ich einen Traum gehabt, in dem ich mit einigen Leuten unterwegs war. Ich war an einem Fluss und habe auf's Wasser geschaut und dann kam mir das Wort "Loslassen" in den Kopf. Und noch im Traum dachte ich: So sollst du also die neue Ausgabe nennen. Was das genau bedeutet oder bedeuten wird, weiß ich selbst noch nicht und lass mich jetzt von meinen Gedanken treiben. Ich glaube, das Wort kam von Gott und wohin es dich und mich führt? Finden wir es heraus!

Die letzte Woche war für mich voller Momente, in denen ich irgendwie aufgewacht bin. Wo ganz viele Dinge mir plötzlich ganz anders vorkamen. Es war, als hätte Gott mir die Augen geöffnet.
Als es immer klarer wurde, dass die Corona-Infektionen steigen und das öffentliche Leben einschränken würden, habe ich angefangen mir darüber Gedanken zu machen, wie ich die Zeit am besten verbringen könnte. Ich habe hin und her überlegt wo ich sein möchte und was mir gut tut. Und genau da fingen die Aha-Momente an.

Normalerweise fahre ich vielleicht alle 2-3 Wochen für eine Nacht zu meinen Eltern. Sie wohnen nur 20km von Halle entfernt und wir sehen uns auch mal so zwischendurch. Meistens bin ich danach immer völlig k.o.. Vielleicht weil ich mich in meiner Freiheit eingeschränkt fühle. Keine Ahnung. Jedenfalls bin ich immer wieder erleichtert zuhause anzukommen.
Als die Nachrichten anfingen über mögliche Ausgangssperren und soziale Distanzierung zu reden, war mir aber plötzlich klar: Ich fahre zu meinen Eltern. Noch vor 2 Wochen hätte ich bei dem Gedanken hier 'festzusitzen' zumindest ein bisschen Angst bekommen. Aber ich kann euch nur eins sagen: Hier ist der Ort, an dem ich gerade sein soll und der mir Ruhe, Frieden und die dringend benötigte Gesellschaft schenkt. Ich bin unendlich dankbar hier sein zu dürfen und hier für unbestimmte Zeit erstmal Unterschlupf zu finden. Ich kann es kaum in Worte fassen. Es ist ja auch für meine Eltern und meinen Bruder nicht einfach noch eine Person mehr im Haus zu haben. Das machen sie gern, ich weiß. Aber es ist nicht selbstverständlich.

Als ich von meiner Mama aus meiner Wohnung abgeholt wurde, kam dann der Moment des Packens. Ja, ich weiß, es ist keine Weltreise und auch nicht für ewig, aber wenn man nicht genau weiß, wann man wieder zurückkommt, ist Packen richtig gruselig.
Ich stand vor meinem Bücherregal und vor meinem Kleiderschrank und hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Ich kann Dinge gut dramatisieren und eigentlich ist es auch nicht schlimm, aber ich hab plötzlich an den Büchern und Klamotten gehangen. Ich hab mich gefühlt als würde ich das alles nie wieder sehen. Seltsam.
Seit ich hier bin, muss ich ständig an meine Oma denken. 1942 wurde sie geboren und 1944 oder 45 ist sie mit ihrer Familie aus Danzig geflohen. Jeder nahm, was er tragen konnte. Und genau solche und auch noch schlimmere Schicksale spielen sich Tag für Tag weltweit ab. Und ich bin schon traurig, weil ich aus meiner Wohnung für ein paar Wochen ausziehe. Das ist nicht vergleichbar und ich möchte es auf keinen Fall in die gleiche Kategorie stecken. Aber das hat mir die Augen geöffnet.

Wie sehr hänge ich an unwichtigen Dingen! Wie verwöhnt bin ich. Ein guter Freund von mir hat mal zum Thema Minimalismus gesagt, dass die Menschen vor 100 Jahren nur einen Bruchteil des Besitzes hatten, den wir heute haben (außer vielleicht Adlige oder so). Es tut uns auch psychologisch nicht gut, an so vielen Dingen zu hängen und sie immer hüten zu müssen.

Jedenfalls habe ich mich gegen meinen Kleinkram und für meine Familie entschieden. Das heißt auch, dass ich verzichten muss, nicht immer machen kann, was ich will und mich einfügen muss. Aber das ist es mir wert und ich hab irgendwie ganz neu gelernt, welchen Stellenwert Familie doch für mich hat.
Krisenzeiten sind die, in denen man sich auf das Wichtige besinnt. Ich habe erkannt, dass ich sehr oft undankbar bin. Ich bin schnell genervt und unnötig anspruchsvoll. Dabei ist meine Familie für mich da und eben doch der Ort, von dem ich komme. Seit ich Christ geworden bin, hab ich mir eine Mauer zwischen meiner Familie und mir aufgebaut und diese Mauer war mir sehr wichtig. Ich merke jetzt, dass sie bröckelt und das ist richtig schön!

Lasst uns die Zeit, die uns gerade geschenkt wird dazu nutzen, uns darauf zu besinnen, was uns wirklich wichtig ist und zu hinterfragen, wie wir uns im Alltag verhalten. Lasst uns innehalten und neu anfangen. Vielleicht ist das das Loslassen, was Er gemeint hat.

PS: Ich wollte euch noch auf unser neues YouTube-Format "Willkommen in meiner Küche" hinweisen, das ab Montag auf unserem YouTube Kanal zu finden ist. Schaltet mal rein und abonniert den Kanal! Es passt zwar nicht zur Kolumne, aber vielleicht findet ihr da auch noch die ein oder andere Inspiration für lange Quarantäne-Nachmittage.