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25. Februar 2020

#8
Balance

von Marie Wandelt

25. Februar 2020
Lesedauer: 3 Minuten
Von Marie Wandelt


Balance

Herzlich Willkommen zurück bei meiner Kolumne Zuflucht! Falls du das erste Mal hier bist, freue ich mich natürlich auch sehr, dich begrüßen zu dürfen. Lasst uns direkt starten.

Kennt ihr das? Ihr seid müde, erschöpft, wisst nicht mehr, wo oben und unten ist und ihr wollt euch einfach nur hinlegen? Was frage ich eigentlich – sicher kennt ihr das!
Der Tank ist leer und die Couch oder das Bett rufen. Aber nicht nur das. Manche Leute können dann ja einfach einschlafen oder lesen oder denken einfach nach und ich? Ich schaue Dokus.
Manchmal sind es auch Filme, aber meistens sind es tatsächlich Dokus. Klingt langweilig?
Es gibt so viele Subgenres und unendlich viele Themen. Und Dokureihen! Na ja, auf jeden Fall gelingt es mir super, einzutauchen in endlose Doku-Marathons. Nein, das geht nicht nur Stunden, das kann auch tagelang gehen.
Also, ich sitze dann nicht 72 Stunden am Stück da und gucke. Aber jede mehr oder weniger freie Minute investiere ich dann ins Schauen. Und man kann Dokus übrigens auch super dem eigenen Gewissen gegenüber rechtfertigen - man lernt ja was.
Mittlerweile habe ich mega viel mehr oder weniger nützliches Wissen durch Dokus angesammelt - genutzt hab ich leider wenig. Es sind dann meistens eher Nischenthemen.

Man kann sich das so vorstellen: Ich putze, koche, räume auf, sitze rum und nebenbei läuft eine Doku und plötzlich sitze ich nach dem Frühstück immer noch am Esstisch und es ist nachmittags um 4 und etwas Sinnvolles habe ich nicht gemacht.
Warum ich euch das erzähle? Vielleicht als kleine Beichte. Vor allem aber, weil ich auf die Art und Weise meine letzten Wochen verbracht habe. Bis ich am Dienstag plötzlich aufgestanden bin und beschlossen habe: Es reicht. Seitdem bin ich übrigens seit langem mal wieder produktiver. Aber das ist ein anderes Thema.

Mein Kopf verbindet mit Dokus Geborgenheit. Ruhe, freie Zeit, frisch fertige Wäsche, frisch gekochtes Essen, entspannte Abende - Entspannung. Aber entspannt bin ich nicht, wenn ich seit 3 Tagen ununterbrochen vor dem Laptop sitze. Das können andere sicher wissenschaftlicher erklären als ich es kann, aber ich weiß, wo die Haken sein könnten: Bildschirm, ständige Beschallung und totale Realitätsflucht.
Alles, was so ansteht und sich nicht mit meinem gemütlichen Zuhausesitzen vereinbaren lässt, staut sich auf und ich werde unterschwellig immer gestresster. Den Stress versuche ich dann übrigens wieder mit Dokus abzubauen (siehe oben). Das ist also ein ziemlich unsinnvoller Kreislauf.

Ich habe mich neulich mit meiner Mentorin getroffen. (Übrigens: Falls ihr so etwas wie einen Mentor nicht habt – es lohnt sich!) Sie hat mich dazu angehalten, aufzuschreiben, was ich so mache, um herauszufinden, wie viel Zeit ich mit welchen Dingen verbringe und noch wichtiger: Ob ich Zeit mit Dingen verbringe, die mir gut tun.
Mein Fazit des Ganzen war recht ernüchternd. Ich tue Dinge, die mir pseudo-gut tun und tue Dinge nicht, die mir gut tun, weil ich denke, sie seien Zeitverschwendung. Sie haben einfach keine Prioritäten. Von außen betrachtet ist das ziemlich dumm. Aber an den Punkt musste ich erstmal kommen, zu erkennen, dass es überhaupt so ist.

Was tut mir gut, habe ich mich dann gefragt. Musik. Je nach Stimmung hören oder selber machen; meistens springt das sowieso hin und her. Mich bewegen, also Sport im weiteren Sinne. Spazieren gehen tut mir gut. Und es tut mir auch gut, klassische Literatur zu lesen und dann vor mich hin zu philosophieren. Von diesen Dingen würde man vielleicht Sport für am sinnvollsten halten. Das passt zu unserer Gesellschaft – höher, schneller, weiter.
Aber ich muss genau von diesem Denken weg. Meine Hauptaufgabe ist es ja nicht, produktiv zu sein und immer mehr zu schaffen. Klar, irgendwo muss ich das auch. Aber ich muss auch irgendwo auftanken können. Sonst geht es in einem Strudel immer weiter herunter. Ich bin keine Maschine und es ist für mich und auch für dich gut, sich nicht am Wert der Produktivität zu messen. Es tut mir gut zu singen? Dann mache ich das jetzt. Dafür bin ich vielleicht später mit viel mehr Kraft bei den Dingen, die zu erledigen sind.

Ich bin ein Mensch, der Extreme mag. Das würden die Leute um mich herum vielleicht überhaupt nicht sagen, aber das Meiste davon spielt sich in meinem Kopf ab. Wenn ich mich mit etwas beschäftige, dann sehr genau. Wenn ich Hausarbeiten mit Motivation schreibe, dann sitze ich wochenlang jeden Tag in der Bibliothek und alles andere bleibt liegen. Wenn ich beschließe, dass der Haushalt Priorität hat, dann lasse ich Termine sausen, um sofort die größtmögliche Ordnung zu schaffen. Und wenn ich beschließe, abzunehmen, dann esse ich nichts mehr. Mir fällt es unheimlich schwer, Dinge in Maßen zu genießen und gut zu 'portionieren'. Das war schon immer so.
Man sollte meinen, das ist etwas Selbstverständliches, aber genau hier ist mein größtes Problem. Wie schaffe ich es, in einigen Dingen meines Lebens produktiv zu sein, aber nicht gleich in den nächsten Wahn zu verfallen? Wie schaffe ich es, dass ich meinen Tag so einteile, dass ich für die Arbeit, die ich mache, auch Erholung einbaue. Oder statt nur in Dokus zu versinken, EINE schaue und mich dann umso mehr darauf freue. Dinge in Maßen zu genießen, macht sie ja auch erstrebenswerter.
Wenn ich z.B. gern Nudeln esse und mir dann jeden Tag welche koche, dann freue ich mich nach einer Weile nicht mehr so sehr darüber, sie essen zu können. Wenn es aber nur einmal in der Woche Nudeln gäbe, dann wäre die Freude umso größer!
Wie kann ein gutes Maß in allen Dingen aussehen? Ich weiß es nicht, aber es ist meine Aufgabe, das in nächster Zeit herauszufinden. Ich glaube, dass Gott uns dabei helfen kann und uns zurecht weist. Ich glaube aber auch, das wir dafür hinhören müssen und das macht mir Angst. Aber ich will es versuchen - vielleicht machst du mit?