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14. Januar 2020

#5
Sichtblende

von Marie Wandelt

14. Januar 2020
Lesedauer: 3 Minuten
Von Marie Wandelt


Sichtblende

Willkommen zurück im neuen Jahrzehnt bei meiner Kolumne Zuflucht. Ich finde nach der turbulenten Zeit rund um Feiertage, Jahreswechsel, Familientreffen und viel zu viel Essen, ist es ganz schön schwierig wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Zumindest ging es mir so.
Was beschäftigt mich eigentlich? Habe ich mir in der letzten Zeit bewusst Pausen zum Nachdenken genommen? Und wo liegen eigentlich meine Prioritäten? Schwierige Fragen, auf die ich teilweise noch Antworten suche und ich glaube, dass ist okay.

Heute will ich euch in ein Spannungsfeld mit reinnehmen, was mich in letzter Zeit beschäftigt hat. Das ist etwas heikel, weil ich selbst noch nicht weiß, ob ich die Meinung, die ich jetzt gerade habe, auf Dauer behalten werde. Aber das genau ist ja der Sinn vom Nachdenken.
Also: Ich bin als Mensch mit sehr klaren Strukturen aufgewachsen. Fast immer pünktlich. (Da musste schon was Großes dazwischen kommen wenn nicht.) Mit klaren selbst- und fremdgesteckten Ideen über mich, die mir ein Raster vorgaben, in dem ich mich selbst eingeordnet und auch wohl gefühlt habe. Mit klar strukturierten Plänen für mich und meine Umwelt. Und mit mindestens genauso viel Bitterkeit gegenüber allem, was das Gegenteil verkörperte. Ein sicheres Leben in gesteckten Grenzen, die mich beschützt, aber eben auch eingegrenzt haben.

Dass so ein Eingrenzen auch negativ sein kann, durfte ich in letzter Zeit erfahren. Aber nicht in Schmerz oder Bedrängung, sondern in Kontrast zu der unglaublichen Fülle von Freiheit und Schönheit, die sich außerhalb meiner Grenzen befindet und die ich so lange nicht gesehen habe. Ich habe mein Leben lang nicht hinterfragt, warum ich mich eigentlich limitiere.
Warum kriege ich Panik, wenn ich 30 Minuten bevor ich das Haus verlassen muss, noch nicht im Kopf durchgeplant habe, wie ich mich fertig machen will und was ich alles genau mitnehmen will und ob ich denn absolut nichts vergessen habe? Warum kriege ich Panik, wenn ich für einen Weg von 5 Minuten nur noch 15 zur Verfügung habe? Warum ist es mir unangenehm, fast peinlich, mehr von mir zu zeigen als mein perfekt ausgeklügeltes Selbstbild? Warum fällt es mir so schwer das zu tun, was ich eigentlich tief in mir machen möchte, nur, weil ich denke, es ist vielleicht unproduktiv?
Das sind die Fragen, die plötzlich aufgetaucht sind und mich völlig überrascht haben. Ich habe bis vor kurzer Zeit wirklich mit den Tränen gekämpft, wenn ich wegen einer anderen Person irgendwohin zu spät gekommen bin. Und das ist nur eines der viele Beispiele.

In letzter Zeit habe ich Erfahrungen machen können, die mir gezeigt haben, dass das nicht gesund ist. Ich bin kein Roboter und das erwartet auch niemand von mir. Und vielleicht bin ich in meinem Innern nicht der strukturierteste Mensch. Na und? Deswegen wird mich nicht gleich jeder hassen.
Ich habe Schritte machen können, die mich aus meiner Comfort Zone 'Struktur', meiner selbst gebauten Sichtblende, in eine neue Art Freiheit gebracht haben und das war unglaublich erfüllend.
Ich kann manchmal einfach anhalten und die Farben des Himmels bewundern. Ich kann auch mal länger irgendwo sitzen und dann eben nicht exakt zu der von mir seit 3 Tagen geplanten Uhrzeit irgendwo anders ankommen. Und das Wichtigste ist: Ich kann mich von Gott überraschen lassen. Ich glaube, manchmal sind genau die Momente, in denen uns Gott aus unserem 'Funktionieren' herausholt, die wertvollsten. Kleine Momente der Gottesbegegnung, an denen ich vielleicht vorbeigeeilt wäre.

Bitte versteht das nicht falsch. Ich mag Strukturen und ich finde sie wichtig. Sie sind eine Grundlage von Verlässlichkeit und gut für uns und unsere Umwelt. Und auch Gott ist kein Gott des Chaos', sondern der Ordnung. Aber wenn Struktur zum selbstgebauten Käfig wird, muss man sie durchbrechen.
Ich plädiere hier nicht für's Zuspätkommen - Pünktlichkeit finde ich immer noch gut! Aber ich plädiere für Momente der Einhalt und die Erlaubnis an uns selbst in der Freiheit Gottes auch mal aus dem Hamsterrad der Welt auszusteigen und wertvolle Momente zu genießen.