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12. April 2019

#6
Wunder sehen

von Claire Gonzales

12. April 2019
Lesedauer: 4 Minuten
Von Claire Gonzales


Wunder sehen

"Wir haben ein Kind! Ein Kind wohnt einfach bei uns!" Diesen Satz tauschen Sascha und ich mit vor Stauen aufgerissenen Augen, seit etwa anderthalb Jahren, immer mal wieder aus.
Während unsere Tochter durch die Wohnung tobt oder im Nebenzimmer friedlich schlummert, trifft es uns dann, dass sie durch uns, unsere Entscheidung unser Leben gemeinsam zu verbringen und Gottes Gnade auf dieser Welt sein kann. Wir sind ihr Zuhause, ihre Welt. Sie orientiert sich an uns und lernt von uns. Wir stehen ihr näher als jeder andere Mensch und sie vertraut uns jeden Tag ihr Leben an. Sie weiß, dass wir sie, so gut wir können, vor Gefahren, Schmerz und Trauer schützen und sie unendlich lieben.

Dass es nur uns so geht, dass wir von all diesen Tatsachen einfach nur staunend stehen, kann ich mir nicht vorstellen. Wie kann man das jemals für selbstverständlich nehmen? Es gibt für mich kein größeres Wunder im Leben und das uns dieses Geschenk gemacht wurde, ist für mich die größte Ehre.

Doch wenn man mal ehrlich ist, es gibt auch Tage, in denen all dies im tagtäglichen Leben untergeht. Es kommt schon vor, so im Mama-Alltag, dass die Aufgabenberge sich vor das Wunder, ein Kind zu haben, schieben. Wenn man es hier nicht schafft, immer wieder inne zuhalten und zu reflektieren, dass uns ein Menschenleben anvertraut wurde, ein ganz eigenes, individuelles, von Gott erdachtes und geformtes Kind, dann schweift der Fokus schnell zu den anstrengenden, belastenden, einschränkenden Nebenbedingungen des Eltern-seins. Ich lasse oft den Haushalt Haushalt sein (das hab ich aber auch schon gemacht, bevor ich Mutter wurde), um die unbezahlbaren Momente mit meiner Tochter zu verbringen. Was ihr ganzes Leben jetzt prägt, ist nicht das saubere Bad oder der Krümel-freie Tisch, sondern das Kuscheln, Lachen, Tanzen, Singen, Toben, Zuhören, Reden, Erklären, Essenteilen, Verstehen, Trösten, Halten, Entdecken... das sehe ich als meine tägliche Aufgaben als Mutter.

Mir hilft es oft, die Welt mit den Augen meiner Tochter zu betrachten. Jeder Tag, jeder Moment ist zeitlos, voller Abenteuer und Wunder, neuer Erfahrungen, Vertrautem, sowie Unbekanntem, puren Emotionen, Herausforderungen, Liebe und Geborgenheit. Jeder Käfer ein Meisterwerk, jeden Tag gibt es neue Blumen auf den endlos wirkenden Wiesen zu entdecken, die Freude, die der Anblick einer streunenden Katze macht, ist unvergleichlich und all dies getragen im Wissen, bedingungslos geliebt zu sein. So möchte ich leben, genau so. Ich sehne mich nach dieser Lebendigkeit und ich weiß ich kann sie erlangen, wenn ich wie ein Kind bin.

...»Lasst die Kinder zu mir kommen!«, sagte er zu seinen Jüngern. »Hindert sie nicht daran! Denn gerade für solche wie sie ist das Reich Gottes. Ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind annimmt, wird nicht hineinkommen.« – Markus 10, 14-15 (NGÜ)

Wenn wir also mit dem staunenden Wesen eines Kindes das Leben, diese Welt und Gottes Reich betrachten, steht es uns offen für alle Zeiten. Das ist doch ein Ziel, dass es sich lohnt zu erlangen.

Fragen:

1. Siehst du auch manchmal vor lauter Alltag die Wunder des Mama-seins nicht mehr?

2. Was glaubst du, sieht dein Kind, wenn es dich und seine Umwelt betrachtet?

3. Welche Wunder umgeben dich täglich?