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13. April 2020

#64
Dankbarkeit durch Perspektivenwechsel

von Claire Gonzales

13. April 2020
Lesedauer: 3 Minuten
Von Claire Gonzales


Dankbarkeit durch Perspektivenwechsel

Wir stecken ja weltweit gerade in einer außergewöhnlichen, herausfordernden und unsicheren Zeit. Trotzdem gibt es so viel, wofür man gerade jetzt dankbar sein kann. Mir ist das gerade ganz aktuell bewusst geworden, weil sich bei mir zu dieser Ausnahmesituation noch eine ganz persönliche, unerwartete Ausnahmesituation gesellt hat und mein Leben gerade komplett auf den Kopf stellt.

Ich schreibe diese Kolumne aus dem Krankenhaus, weil meine Fruchtblase in der 34. Schwangerschaftswoche gerissen ist, also knapp 6 Wochen zu früh und ich jetzt hier bleiben muss, um engmaschig auf Infektionen getestet zu werden. Das hätte ich nie erwartet und eigentlich wäre ich zur Zeit des Blasensprungs in den Niederlanden gewesen, was aber aufgrund der Pandemie natürlich nicht ging.
Das ist das erste, wofür ich gerade so dankbar bin. Ich habe mich natürlich sehr aufgeregt, weil diese Reise mit meinen Freundinnen schon lange geplant war und wir uns schon so drauf gefreut hatten. Aber wenn uns der Strich durch die Rechnung nicht gemacht worden wäre, hätte ich mein Kind wohl dort auf die Welt bringen müssen, denn bei einem derart vorzeitigen Blasensprung muss man liegend in die nächste Klinik transportiert werden. 7 Stunden nach Hause fahren, wäre also nicht drin gewesen.
Jetzt warte ich hier in meinem Krankenhauszimmer auf die Einsetzung der Wehen und ich bin aber trotz allem dankbar!

Natürlich ist es nicht schön, ein Frühchen zu bekommen, aber wir sind gerade an der Grenze, in der das Baby höchst wahrscheinlich schon von alleine atmen kann und wir nicht lange auf der Station bleiben müssen und bald als vierer Familie vereint sein können. Dafür bin ich so dankbar.

Durch das Besuchsverbot in den Kliniken bin ich für die kommenden Tage von meiner Familie getrennt. Was mich noch vor wenigen Tagen genervt hat, das ständige Zusammenhocken mit Mann und Kleinkind, ohne wirklich Möglichkeiten zu haben, etwas zu unternehmen – das sehne ich mir gerade echt herbei. Einfach zu kuscheln, umarmt zu werden, zusammen zu kochen, essen, reden, lachen, Filme schauen, Zuhause sein, spazieren gehen, zum Garten gehen, dort die Blumen und Vogelstimmen genießen.. All das sieht von hier aus, mit verordneter Bettruhe im Krankenhaus ohne Besuch, nach einem Paradies aus. Was es auch ist!
Familie, ein Zuhause, Essen, dass man sich selbst frisch nach Lust und Laune zubereiten kann. Oh man, wie konnte ich das nicht sehen, wie dankbar ich dafür sein kann?
Es ist immer leichter sich zu beschweren und genervt von dieser Situation zu sein, in der wir alle so in Isolation hocken, aber manchmal hilft so ein radikaler Perspektivenwechsel, für genau diese Dinge, die man für so selbstverständlich hält unendlich dankbar zu sein.

Ich fühle jetzt umso mehr mit vielen Alleinlebenden, Alten, der Risikogruppe, Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Menschen, die alleine in Quarantäne stecken. Komplett isoliert zu sein ist Gift für unsere menschliche Seele. Wie wertvoll ist eine Umarmung eines geliebten Menschen. Das lachende Gesicht eines Kindes das einen (viel zu früh) am Morgen weckt.

Ich entdecke gerade in dieser Situation gerade noch so viele weitere Gründe dankbar zu sein. Ich habe jetzt so viel Zeit und Ruhe für mich allein wie lange nicht mehr und mit zwei Kindern so bald auch nicht wieder. Ich nutze diese Zeit zum Lesen, inspirierende Podcasts und Hörbücher hören, zum Schreiben, viel beten, telefonieren, mit vielen Menschen im Austausch sein und ich merke, wie viele gerade an uns denken und wie wir im kollektiven Gebet getragen werden. Auch wenn mir körperliche Nähe fehlt, fühle ich mich sogar weniger einsam als in so manch anderen Situationen, in denen ich überzeugt war, dass keiner an mich denkt oder Kontakt mit mir möchte.

Ich hab so großen Frieden über diese Situation gerade, ich weiß es wird alles gut und auch wenn es früher ist als erwartet und wir alle sehr überrumpelt sind von den Ereignissen, freue ich mich diese Erfahrung zu machen. Und wie gesagt, die Dankbarkeit, die ich gerade empfinde, verändert mein Leben regelrecht.

Fragen:
1. Wofür bist du gerade dankbar?
2. Was nervt dich gerade?
3. Ist genau das, was dich gerade nervt, vielleicht auch ein Grund dankbar zu sein?

Beantworte diese Fragen gerne in den Kommentaren und teile deine Gedanken mit anderen.