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25. September 2017

#15
Die Geburt
einer Mutter

von Claire Gonzales

25. September 2017
Lesedauer: 5 Minuten
Von Claire Gonzales


Die Geburt einer Mutter

Als vor zwei Wochen unsere Tochter das Licht der Welt erblickte, wurde nicht nur sie geboren. Dies erkannte ich am Abend des zweiten Tages in der Klinik, als sie schlief und ich mein Notizbuch nahm und mir alles, was mich bewegte, von der Seele schrieb. Während dicke Tränen mir die Sicht verschwimmen ließen, wurde mir beim Schreiben in Form eines Briefes an meine Tochter bewusst, dass an diesem Tag nicht nur sie geboren wurde, sondern auch ich.
Ein Teil von mir wurde geboren, der vorher nicht existierte - oder wenn, dann nur in der abstrakten Form einer Idee, irgendwo im Universum. Ich wurde als Mutter geboren. Und mir wurde beim Schreiben bewusst, dass ich für immer Mutter sein werde. Dieser Teil wird immer leben, so lange ich lebe und sogar darüber hinaus.
Ich hatte bislang nur eine wage Vorstellung davon, wie es sich anfühlt Mutter zu sein. Natürlich hatte ich viele Frauen von dieser unfassbaren Liebe und Freude sprechen hören und so etwas auch erwartet. Aber an diesem Abend, an ihrem zweiten Lebenstag, wurde mir etwas für mich persönlich ganz tiefgreifendes bewusst.

Ja, ich ließ meine Seele still und ruhig werden; wie ein kleines Kind bei seiner Mutter, wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir. – Psalm 131, 2

Die tiefe Liebe für dieses neue Menschlein hat mich natürlich überwältigt und mir Kapazitäten und eine Weite meines Herzens gezeigt, die ich vorher nur hätte erahnen können. Es war wunderschön das Flattern zu fühlen, als ich ihr Gewicht auf meiner Brust fühlte, ihre zarte, warme Haut berührte und ihre perfekt geformten Lippen im Schlaf zucken sah.
Doch was mich zusätzlich dazu zutiefst bewegte, war die neue Liebe die ich auch für mich selbst verspürte. Das mag vielleicht komisch klingen, aber ich wusste zuvor nicht wie weit ich noch entfernt davon war, mich wirklich voll und ganz zu lieben.

Das Thema Selbstliebe ist schon seit einigen Jahren ein Topthema für mich und hat auch hier in den Kolumnen immer wieder Raum eingenommen. Doch an diesem besagten Abend wurde mir erstmals bewusst, dass ich mit der Geburt zu einer Selbstliebe gefunden habe, die alles, was ich bisher meinte in dem Punkt erreicht zu haben, in den Schatten stellte.

Eine der größten Lügen, die ich bisher geglaubt hatte, war, dass ich schwach bin und nicht mutig genug, etwas zu verändern/erreichen. Auch wenn mir schon lange bewusst war, dass es eine Lüge ist, war es schwer mich davon völlig zu lösen und somit schleppte ich sie immer wieder mit mir herum und sie tauchte in Krisen recht zuverlässig immer wieder auf. Ich hatte in den Monaten und Wochen vor der Geburt sehr viel Zeit damit verbracht von schmerzfreien Geburten zu lesen und Videos, Hörbücher und Kurse zum Thema schmerzfreie Geburt und Hypno-Birthing zu verinnerlichen. Ich hatte zwar keine Angst vor der Geburt an sich und war sogar einfach nur gespannt wie es wohl sein wird, aber ich hoffte und betete so sehr dafür, dass es nicht so schwer wird, weil ich es mir selbst ganz unbewusst nicht zumutete etwas anderes zu überstehen.
Nun sagen wir es mal so: Schmerzfrei war die Geburt definitiv nicht, auch nicht schnell und einfach, und auch nicht von einer lieben, einfühlsamen Hebamme begleitet. Es war ganz anders als ich es mir unzählige Male ausgemalt hatte. Aber das verrückte daran ist, ich würde es mir im Nachhinein nicht anders wünschen, weil genau die besagten Lügen in dieser Nacht ausgelöscht wurden.
Gerade weil es nicht einfach war, konnte ich mir selbst zeigen, dass ich enorme Kräfte entwickeln kann, dass ich deutlich weitergehen kann als meine bisher geglaubte Schmerzgrenze und dass ich in Zusammenarbeit mit meinem Körper und Gottes Hilfe einem Menschen ins Leben verhelfen durfte. Ich habe in dieser Nacht gelernt, dass mein Körper ein wahres Wunderwerk ist, dass ich enorm stark und mutig bin und mir wurde daraus resultierend bewusst wurde wie absurd, unsinnig und weit entfernt jegliche negative und selbstzerstörerische Gedanken über mein Wesen als Frau und meinen weiblichen Körper sind, obwohl diese mich seit meiner Pubertät, wie unzählig viele Frauen auch, begleitet hatten.
Umso mehr brennt es mir jetzt wieder auf dem Herzen, Frauen, die mit sich im Unreinen sind, ihren Körper wegen Unförmigkeit oder anderen Nichtigkeiten ablehnen und ihre Stärke und Potential nicht sehen, darauf aufmerksam zu machen, dass jede von uns von Anfang an von Gott mit der Fähigkeit, Stärke und dem Mut ausgestattet wurde, Leben in diese Welt zu bringen. Ob man jemals Mutter wird oder nicht, ich finde das allein ist wirklich Grund genug täglich vor dem Spiegel den Hut zu ziehen und einfach nur zu staunen.

Fragen:

1. Welche hartnäckigen Lügen schleppst du noch mit dir herum?

2. Was glaubst du ist die Wahrheit, die davon verdeckt wird?

3. Was siehst du, wenn du in den Spiegel schaust?