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16. Oktober 2019

#122
Beten statt hassen

von Sascha Gonzales

16. Oktober 2019
Lesedauer: 3 Minuten
Von Sascha Gonzales


Beten statt hassen

Wie viele von euch sicherlich wissen, wohne ich in Halle an der Saale. Vergangenen Mittwoch, also genau vor 7 Tagen, gab es hier in unserer Stadt einen rechtsterroristischen Anschlag auf die Bevölkerung, speziell auf die jüdische Gemeinde dieser Stadt.

In den darauffolgenden Tagen gab es eine Menge Aufruhr, viele Diskussionen, Anschuldigungen, politische Besuche und Anteilnahme. Menschen versammelten sich an den Tatorten und zeigten ihre Sympathie und ihr Mitgefühl für die Opfer dieser irren Gewalttat.
Ich persönlich empfand an diesem vergangenen 9. Oktober ein Gefühl von Traurigkeit, Fassungslosigkeit und Wut. Ja, ich war wütend: "In meiner Stadt?! Sowas hat keinen Platz in meiner Stadt." Selten trat in meinem Herzen so ein starkes Empfinden für meine Stadt auf, wie zu diesem Zeitpunkt. Ich war so wütend auf die Täter, ich jubelte als die Polizei eine Festnahme meldete, hatte Tränen in den Augen als ich im Radio hören musste, dass es Tote gab.. "In meiner Stadt?!" Ich bin kein besonders politischer Mensch. Ich gehe wählen, informiere mich gut, aber man sieht mich nicht auf Demonstrationen oder Kundgebungen. Aber dieser Tag hat etwas in mir verändert. Und ich hoffe, dieser Bogen ist jetzt nicht allzu weit:

Zur Zeit bin ich etwas krank und war am vergangenen Montag beim Arzt. Ich saß im Wartezimmer als ein junger Mann mit seiner Freundin in die Praxis kam. Auch wenn ich kein Experte bin, war es durch viele Äußerlichkeiten kaum zu übersehen, dass er zumindest mit der rechten Szene sympathisierte. Als er dann auch noch einen dunkelhäutigen Mann am Empfang anpöbelte, als dieser gerade gehen wollte, gab es keinen Platz mehr für Zweifel. Ich empfand.. Hass. In mir drin gab es so viel Wut auf ihn und das, was er in diesem Moment repräsentierte.. Gewalt, Hass, Intoleranz, Dummheit.. und mein Hass ließ mich dazu übergehen, mir vorzustellen, wie man ihn verprügeln müsste, wenn er nochmal jemanden beleidigt.
Aber all diese Gedanken ließen mich auch eine Sache völlig ausblenden: Was für ein armer, verlorener Mensch. Ein Mensch, der genauso von Gott geliebt ist, wie du und ich. Denn das ist und bleibt die (unbequeme) Wahrheit – für jeden. Gott liebt uns alle gleich, er weint und trauert um uns, um unsere Taten und unsere Gedanken. Und Gott war traurig über meine Gedanken und meinen Hass in diesem Moment, genauso wie er traurig über den Weg war, den dieser Mensch eingeschlagen hatte.

Ich fing an zu beten. Für ihn, für seine Familie und für den Attentäter der vergangenen Woche. Hass ist so leicht.
Anteilnahme für die Opfer ist so leicht. Aber hey, so kontrovers das auch erscheinen mag, auch die Täter sind immer auch bemitleidenswert. Ein Leben, von Gott geschenkt, vielleicht für immer verloren? Das macht mich traurig und nachdenklich..

Im Wissen, dass ich in der luxuriösen Position stehe, dass es niemanden getroffen hat, den ich persönlich kenne, hoffe ich doch, dass ich im Fall der Fälle trotzdem nie wieder vergessen werde, dass Gott JEDEN Menschen liebt und dass es für jeden ein Weg zurück gibt. Mein Hass ist für niemanden eine Hilfe. Mein Gebet schon.