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24. April 2019

#101
Selbstverliebt

von Sascha Gonzales

24. April 2019
Lesedauer: 4 Minuten
Von Sascha Gonzales


Selbstverliebt

Ich habe den Titel meiner heutigen Kolumne ganz bewusst etwas doppeldeutig gewählt: Selbstverliebt. Ich würde mit großer Überzeugung behaupten, dass die meisten von uns eine negative Assoziation mit diesem Wort haben. Aber woher kommt das und sollte das überhaupt so sein?

Seit ich anfing mit 16 aus meinem selbst-geschaufelten Loch zu klettern, bemerkte ich die Kostbarkeit und die bemerkenswerte Kraft eines 'selbstbewussten' Auftretens. "Fake it, til you make it!" ist ein sehr bekannter Spruch, und er gilt in der Welt genau so bei Ruhm und Reichtum, wie auch bei Selbstbewusstsein. Mir war klar, ich habe kein Selbstwert, keine Selbstliebe für mich, kein Selbstbewusstsein und ich werde es auch in den nächsten Monaten nicht bekommen, also: Tun wir doch einfach so. Schotte dich ab, werde kalt, hart,.. arrogant. Und es funktionierte. Bis irgendwann keiner mehr merkte, dass ich immer noch der kleine, schwache, ängstliche, leere und orientierungslose Junge war, der mit 16 begann aus seinem Loch zu kriechen.

Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). – Matthäus 22, 39 (Lutherbibel)

Dies ist keine Werbung für diesen Weg des Lebens. Ich wünschte, ich hätte mich früher auf Gott eingelassen. Aber das tat ich nicht, obwohl er mir immer wieder begegnen wollte. Dafür gab es viele Gründe, aber der entscheidende war, dass ich in meiner Arroganz irgendwann selbst vergaß, dass ich arrogant war (und nicht selbstbewusst). Und so musste ich gebrochen werden.

Meine Frau Claire machte mich vor einigen Jahren einmal auf diesen Bibelvers dort oben aufmerksam: "Liebe deinen Nächsten." – das ist zwar keine Selbstläufer, aber okay. "Wie dich selbst." – .. hier kommt das Problem für so viele von uns ins Spiel.
Was bedeutet es, nicht nur den anderen zu lieben, sondern mich auch noch genau so wie ihn? Kann ich den anderen überhaupt lieben, wenn ich mich selbst nicht liebe? Das finde ich faszinierend: Als ob Gott wusste, dass es leichter sein wird, jemand anderen zu lieben oder Liebe vorzugaukeln als sich selbst.. (er weiß es natürlich).

In den letzten Jahren hat Jesus meine Leere gefüllt. Nicht mit Menschen, aber auch durch Menschen. Und ich bin mittlerweile an einem Punkt, an dem ich weiß, wer ich (gerade) bin. Wen Gott da eigentlich erschaffen hat. Also während ich mich – als Gottes Schöpfung – immer mehr erkunde, möchte ich Zeugnis davon geben, dass ich letztens etwas verspürt habe, was ich in meinem Leben noch nie empfand: Ich war in mich verliebt. Nicht in meine Taten, nicht in mein Äußeres, nicht in mein Wissen, oder in meinen Intellekt – es war etwas ganz anderes. Ich konnte mich einfach so annehmen, wie ich da im Bad stand und mich im Spiegel sah, während ich Zähne putzte und nachdachte. Es war spät, ich war müde, meine Augen waren rot vom Bildschirm des Laptops, ich hing wie ein Tropfen Wasser in der Kurve, aber: Ich war wirklich in mich verliebt. Und dieses Gefühl war echt.. und beeindruckend.

Wie schön wäre es also, wenn wir alle ehrlichen Herzens ein bisschen öfter in uns selbst verliebt wären? Nicht als Kompensation einer Lücke, sondern aus tiefstem Herzen, weil wir erkennen, wen Gott da erschaffen hat.
Mein Herz schlägt ganz oft aus Verliebtheit für meine Frau, wenn ich mir diesen Moment nehme und erkenne, wen ich da vor mir habe. Wenn ich sehe und staune, wie wunderbar geschaffen sie ist. Das ist etwas anderes als meine Entscheidung mich oder sie zu lieben. Wäre es nicht schön, wenn wir uns durch Gottes Augen erblicken würden und feststellen: Das ist ja wirklich jemand ganz wertvolles und tolles?