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23. März 2020

#6
Egoimus

von Claudius Förster

23. März 2020
Lesedauer: 5 Minuten
Von Claudius Förster


Egoismus

In meiner letzten Kolumne Konsum habe ich darüber geschrieben, dass mit Verzicht zwar etwas Negatives assoziiert wird, in ihm aber auch viele schöne Dinge liegen. Im Verlauf des Textes findet sich folgender Satz: "[..] Ich kann die Menschen nachvollziehen, weil dieses egoistische Denken wahrscheinlich in jedem steckt und ich glaube, dass uns erst Gott wirklich zeigen kann, wie wir unser Fühlen und Handeln richtig verstehen können."
Vor Allem in unserer Gesellschaft ist Egoismus ein weit verbreitetes Phänomen. Beweisen kann ich dies natürlich nicht, aber ich wage dennoch zu behaupten, dass JEDER Mensch in irgendeiner Form egoistische Gedanken hat. Auch bei mir kommt der Egoismus immer wieder hoch. So auch in einer Situation, die mir vor kurzem passiert ist.

Ich habe seit ungefähr einem Jahr eine Band. Wir sind zu viert und haben von Anfang an eigene Songs geschrieben. Mir war es wichtig, nicht nur bei der musikalischen Umsetzung dabei zu sein, sondern die Lieder auch inhaltlich mitzugestalten. Daher hat es sich schnell so eingebürgert, dass ich Texte für die Band geschrieben habe, aus denen Lyrics entstanden sind. Da ich meine Texte auf Deutsch schreibe, wir jedoch englische Lyrics haben, war von Anfang an klar, dass sich jeder meiner Texte im Songwritingprozess noch einmal verändern wird. Für mich stellte dies kein Problem dar, weil Texte für mich mehr wie ein Transportmittel sind und es mir letzten Endes mehr auf den Inhalt ankommt. Solange der Inhalt ungefähr gleich blieb, konnte ich daher auch damit leben, wenn sich der Text veränderte. Im vergangen Jahr sind auf diese Art und Weise in gemeinschaftlicher Arbeit sehr viele coole Lieder entstanden, über die ich mich sehr freue.

In all dieser Zeit gewöhnte ich mich an die Rolle des Texteschreibers und begann darin meinen Platz zu finden. Doch in den letzten Wochen musste ich lernen, dass mir dieser Platz nicht allein gilt und dass auch die anderen gute Ideen haben, die es wert sind, dass daraus neue Lieder entstehen.
An sich ist das ein schöner Umstand und ganz in unserem Sinne, dass wir die Lieder zusammen schreiben wollen. Ich musste jedoch feststellen, dass sich bei mir ein komisches Gefühl regte. Ich hatte eine Abneigung gegen die neuen Texte und konnte mich nur schwer damit identifizieren.
Zu Beginn schob ich es darauf, dass sie aufgrund des Schreibstils nicht meinem Geschmack entsprächen. Doch nachdem ich sogar die Chance bekommen hatte, an dem Text mitzuarbeiten und dies als noch frustrierender empfunden hatte, begann ich meine Gefühle zu hinterfragen. Tief im Inneren wollte ich die Leistung der anderen wertschätzen und mich mit Ihnen über das neue Werk freuen. Doch ich stand mir selbst im Weg.

Als ich merkte, dass ich selbst nichts daran ändern konnte, legte ich es Gott hin und bat Ihn, mir zu zeigen, warum es mir so schwer fiel, mich darüber zu freuen und dass sich genau dies doch bitte ändern möge. Daraufhin geschahen zwei Dinge. Zuerst stellte ich fest, dass mein Herz leichter wurde und dass ich mich tatsächlich mehr freuen konnte. Und zum Zweiten hatte ich den Tagen darauf ein paar spannende Gedanken zu diesem Thema.
Ich stellte fest, dass meine Abneigung nicht in erster Linie dem anderen Schreibstil geschuldet war. Vielmehr merkte ich, dass sie von einer inneren Unsicherheit und Angst herrührte. Indem ich feststellen musste, dass auch die anderen Mitglieder der Band ohne meine Hilfe tolle Texte schreiben konnten, fühlte ich mich irgendwie entwurzelt. Ich hatte auf einmal das Gefühl austauschbar zu sein und merkte, dass ich mich in erster Linie nach Annahme sehnte und danach dass meine Arbeit und damit auch irgendwie ich als Person wertgeschätzt werde. Bis zu diesem Moment hatte das auch immer gut geklappt, doch auf einmal kippte alles und ich fand mich in diesem Gefühlschaos wieder.

Meine erste Reaktion darauf war egoistisch. Ich stellte mich gegen die anderen und versuchte eine Situation zu kreieren, in der ich meine alte Rolle wieder inne hatte. Doch dadurch zerstörte ich letzten Endes mehr als ich retten konnte.
Glücklicherweise erkannte ich schnell, dass mein Verhalten nicht angemessen war und konnte somit verhindern, dass sich daraus größere Probleme entwickelten. Ich redete mit meiner Band und erklärte mein Verhalten. Die Gespräche waren sehr angenehm und befreiend und ich habe das Gefühl, dass ich dadurch auch mehr Frieden bekommen habe. Zumindest merke ich, dass ich mich insgesamt wieder besser fühle und die Arbeit mit der Band neu schätzen gelernt habe.

Dadurch, dass mir bewusst wurde, wie persönlich dieses Thema für mich doch ist, war es in den vergangenen Tagen präsenter als sonst. Und ich hatte ein paar Gedanken, die ich gern teilen möchte.

Was ich interessant finde ist, dass wir zwar alle sehr daran interessiert sind, unsere Bedürfnisse und Interessen zu befriedigen, wir dies aber nur sehr selten aus uns selbst heraus bewerkstelligen können. Annahme, Akzeptanz, Liebe, Erfolg – all diese Dinge können wir nur von anderen Menschen bekommen. Trotz dessen handeln wir häufig zu erst nach der Devise 'Nehmen statt Geben'.
Wir erwarten von anderen, dass sie zuerst unser 'Leid' lindern bevor wir selbst darüber nachdenken, aktiv zu werden. Dies ist jedoch toxisch für jede Gemeinschaft und sorgt immer wieder für Probleme unter den Menschen.

Doch wie sollen wir aus diesem Teufelskreis ausbrechen? Man könnte jetzt ganz pragmatisch sagen, dass jeder seine Erwartungshaltung zurückschrauben sollte, doch bei unseren Emotionen fällt uns das meist sehr schwer. Außerdem kommen häufig noch ganz andere Gefühle wie Enttäuschung, Kränkung, Resignation oder gar Wut hoch. Es staut sich ein sehr großer Berg an Emotionen an und oft wir wissen nicht so richtig, wie wir damit umgehen sollen.

Meinem Gefühl nach reagieren Menschen in solchen extremen Situationen selbst auch sehr extrem. Meistens richten sie sich entweder gegen andere oder gegen sich selbst.
Das eine Extrem ist, dass Menschen die Schuld für ihre Probleme nur bei anderen Menschen suchen und diese für ihre Situation verantwortlich machen. Sie lassen all die negativen Emotionen zu und reagieren dementsprechend extrem und verletzend. Das andere Extrem ist, dass sich Menschen selbst für alles verantwortlich machen und somit auch all die negativen Gefühle gegen sich selbst richten.

Beide Reaktionen sind verletzend und zerstörerisch. Und ich glaube, dass Gott beides sehr traurig findet. Er wünscht sich, dass wir in einer guten und harmonischen Beziehung mit Ihm, unseren Mitmenschen und uns selbst leben können. Indem wir negative Gedanken gegen unsere Mitmenschen oder gegen uns selbst richten, verletzen wir Ihn gleichermaßen. Daher spiegelt er uns dies auch.
Ich für meinen Teil merke es häufig daran, dass ich unruhig werde und das Gefühl habe, irgendetwas in meinem Leben nicht 'geklärt' zu haben. An diesem Punkt liegt es dann an einem selbst, wie man sich entscheidet. Ignoriert man das Gefühl, blendet man das eigene Verhalten aus oder noch schlimmer, fängt man an es als moralisch vertretbar anzusehen? Oder aber man tut das Mutigste von allen Optionen und hinterfragt sich selbst und sein Verhalten..

Mein Fazit zu diesem Thema ist folgendes: Egoismus ist menschlich und es bringt nichts, sich für seine eigene Fehlbarkeit zu verdammen. Man sollte jedoch sehr bewusst damit umgehen. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich seinen negativen Gefühlen hinzugeben und zu unterwerfen. Doch genau so hat auch jeder die Chance, sich dem zu widersetzen. Ich glaube, dass dies erst durch und mit Gott möglich ist, weil es eigentlich etwas Unmenschliches ist, sich gegen seine eigenen Gefühle zu entscheiden. Ganz egal, wie zerstörerisch diese auch sein mögen.
Gott schenkt uns ein neues Bewusstsein für uns und unsere Mitmenschen. Er macht es für uns zu einem Anliegen, unseren Nächsten zu sehen. Dies wird sich letzten Endes auch in unserem Handeln widerspiegeln und auch darin, wie wir uns entscheiden. Geben wir dem Egoismus Raum oder versuchen wir eine gute Beziehung zu uns, unseren Mitmenschen und zu Gott zu führen?