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24. Februar 2020

#5
Konsum

von Claudius Förster

24. Februar 2020
Lesedauer: 4 Minuten
Von Claudius Förster


Konsum

Ich möchte gern ein paar Gedanken zum Thema Konsum teilen, die mir in den vergangenen Tagen immer wieder gekommen sind.
An und für sich ist es nichts Neues. Ich nehme an, dass sich die meisten Menschen schon Gedanken darüber gemacht haben, aber ich merke bei mir selbst und auch bei anderen, dass es am Ende meistens nur Gedanken bleiben.
Ich finde regelmäßig Beiträge von anderen Menschen, die sich bereits sehr tiefgründig damit auseinandergesetzt haben und viele gute Fakten liefern, die beweisen, dass das Thema in jederlei Hinsicht Beachtung verdient. Allerdings bezogen sich die meisten Beiträge, dich ich bisher dazu gesehen habe, auf eher globale und vor allem messbare Komponenten. Es wird viel darüber berichtet, wie ungleich die Güter in unserer Welt verteilt sind, wie unser übermäßiger Konsum den Planeten schädigt und wie festgefahren unsere gesellschaftlichen und somit auch politischen Systeme sind, sodass nur wenig Veränderung tatsächlich auch geschieht.

Die meisten Berichte sind schockierend und wirken sehr endgültig, sodass auch ich mich häufig frage, warum die Welt überhaupt noch existiert. Außerdem scheinen die Ausmaße so groß zu sein, dass ich mich ohnmächtig und unnütz fühle. Ich habe dann hin und wieder den Eindruck, dass mein Leben von der Gunst führender Institutionen in Politik und Wirtschaft abhängig ist und dass ich mich kaum dagegen wehren kann. Wahrscheinlich kann ich das auch wirklich nicht.
Sobald diese Gedanken aufkommen merke ich aber auch, dass sich zu der Resignation eine Art Trotz gesellt. Ich fühle mich unwichtig, wie ein Charakter, der es am Ende nicht geschafft hat, in der Geschichte dieser Erde eine Erwähnung zu finden, weil er zu irrelevant war. Und angesichts dieser Gedanken frage ich mich, warum ich mein Konsumverhalten dann überhaupt ändern sollte, wenn es doch eigentlich egal zu sein scheint.
Von Natur aus würde ich wahrscheinlich an diesem Punkt stehen bleiben und mich mit der Zeit zu einem resignierten Zyniker entwickeln. Irgendwie schenkt mir Gott aber doch immer wieder Hoffnung und lässt mich meine destruktiven Gedanken hinterfragen. Am Ende bleibt dann meist ein gemischtes Gefühl übrig. Ich kann die Probleme dieser Welt nach wie vor nicht ausblenden oder wegdiskutieren, aber ich finde meist andere Dinge, die mich Freude empfinden und Hoffnung schöpfen lassen.

So war es auch bei dem Thema Konsum. In den vergangenen Tagen kam mir ein Gedanke, den ich interessant fand.
Mir ist aufgefallen, dass wir uns oft zu den Gewinnern der Globalisierung erklären, was wir offensichtlich auch sind. Und häufig dreht sich alles darum, dass wir unseren Gewinn mit anderen teilen müssten, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Sehr viele Menschen sind jedoch nach wie vor auf ihren eigenen Vorteil bedacht und wollen sich nicht ändern und den Luxus, den wir in unserem Land haben, reduzieren, um Ressourcen zu haben, mit denen wir anderen helfen könnten. Diese Einstellung finde ich sehr traurig. Aber ich kann sie nachvollziehen, weil dieses egoistische Denken wahrscheinlich in jedem Menschen steckt und ich glaube, dass uns erst Gott wirklich zeigen kann, wie wir unser Fühlen und Handeln selbst richtig verstehen können.

Das Interessante bei diesem Thema war für mich jedoch, dass wir Verzicht automatisch mit Verlust assoziieren und dies wiederum mit einer Minderung der Lebensqualität. In manchen Punkten mag dies auch tatsächlich so sein, doch wenn wir es auf Deutschland beziehen, sehe ich das ein bisschen anders.
Wir leben in einer Welt, die uns konditioniert. Unser Leben mag uns normal erscheinen, doch gemessen mit dem durchschnittlichen, globalen Lebensstil, ist es sehr luxuriös. Das Problem daran ist, dass wir 'normal' schon als 'schlecht' empfinden. Wir denken, uns würde es schlechter gehen, wenn wir nicht mehr jedes Jahr um die halbe Welt in den Urlaub fliegen können, wenn wir weniger Fleisch essen würden oder wenn wir nicht mehr alle unser eigenes Auto als Sinnbild unserer Unabhängigkeit hätten. Dies liegt daran, dass unser Körper und unser Gehirn, die sich an einen bestimmten Lebensstil gewöhnt haben, sofort negativ reagieren, wenn wir unfreiwillig Verlust erfahren. Es ist vergleichbar mit einem Drogenentzug, weil unser Luxus letzten Endes nichts anderes ist.

Aufgefallen ist mir dies bei Kunst. Kunstwerke sind meist sehr vielschichtige Gebilde. Es gibt eine emotionale Ebene, die meist als erstes wahrgenommen wird. Farben, Formen, Klänge und Gerüche setzen bei uns bestimme Emotionen frei und in der Kunst werden diese Indikatoren bewusst eingesetzt, um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen.
Die zweite Ebene, die man wahrnehmen kann, nenne ich mal die 'technische' Ebene. Auch wenn der Begriff vielleicht nicht ganz passt.
Jedes Kunstwerk zeichnet sich durch sehr individuelle Merkmale aus. Seien es die feinen Haarlinien, die ein Pinsel auf einer Leinwand hinterlässt oder das leise Ein- und Ausatmen, das man beim Singen hört. Um ein Kunstwerk auf dieser Ebene zu erfassen, braucht es mehr Zeit und Geduld. Man muss sich mehr anstrengen, um diese kleinen Hinweise zu entdecken, die auf die Erschaffung des Werks zurückschließen lassen.
Die dritte Ebene ist die inhaltliche. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass jedes Kunstwerk diese Ebene besitzt. Zwar äußern sich manche Künstler nicht dazu, aber ich denke, dass hinter jedem Kunstwerk ein konkretes Thema steckt. Wenn dem nicht so sein sollte, so gibt es jedoch zumindest immer die Möglichkeit, dass Kunst inspirieren und zu neuen Gedanken anregen kann, was ich ebenfalls auf der inhaltlichen Ebene verorten würde.

Ich als Kunstschaffender nehme meine eigene Kunst auf allen drei Ebenen wahr. Daher fällt mir auch so sehr der Kontrast zwischen meinem künstlerischen Schaffen und meinem Konsumverhalten auf. Ich bediene mich mittlerweile ebenfalls moderner Streamingdienste und muss feststellen, dass ich mir aufgrund des Überangebots viel weniger Zeit nehme, um die Musik auf all diesen Ebenen wahrzunehmen. Häufig bleibt es eher bei der 'emotionalen' Ebene.
Ab und zu nehme ich mir mehr Zeit, doch das ist eher die Ausnahme. Letzten Endes ist dies ein Luxusproblem. Das Überangebot macht mich träge und raubt mir teilweise auch meine Neugier. Außerdem merke ich, dass es mir schwerer fällt, Stille auszuhalten.
Das ironische an dieser ganzen Thematik ist, dass sich die Musikindustrie bereits seit Langem auf dieses oberflächliche Konsumverhalten eingestellt hat und den Hörern letzten Endes genau das liefert, was sie verarbeiten können. Leichte, inhaltlich leere und neutrale Musik, die technisch kaum Varianz bietet und darauf abzielt, einfach nur ein lockeres, positives Gefühl zu vermitteln.

Natürlich ist das nicht immer so. Ich wollte jedoch mal aufzeigen, wie unattraktiv unser Konsumverhalten eigentlich ist. Es ist Fastfood und unsere Reaktion darauf ist ähnlich wie die auf das Fastfood-Essen. Der Körper passt sich an die übermäßigen Zucker- Salz- und Fettmengen im Essen an und die Geschmacksknospen stumpfen ab, weil das Essen sonst zu süß oder zu scharf wäre. Wenn wir dann normales Obst oder Gemüse essen, empfinden wir dessen Geschmack nicht mehr so intensiv. Bei Kunst ist es auch so, wie auch bei allen anderen Dingen, die wir übermäßig konsumieren.
Ich möchte mir daher mehr Mühe geben, mich auf weniger Dinge zu beschränken, diese aber tiefer und bewusster zu erfahren. Denn letzten Endes ist diese Art zu leben für mich viel nachhaltiger und interessanter und es bleibt viel mehr übrig, was ich mit anderen teilen kann.