Menü

27. Januar 2020

#4
Fokus

von Claudius Förster

27. Januar 2020
Lesedauer: 5 Minuten
Von Claudius Förster


Fokus

Immer wieder mal kommen in meinem Alltag sehr grundsätzliche Sinnfragen auf. So auch wieder in den letzten Tagen.

Auch wenn sie sich im ersten Moment meist sehr philosophisch anhören, sind sie für mich doch sehr existenziell. Unser menschliches Sein und die Frage, warum es dieses Leben in dieser Welt gibt und was wir hier bewirken sollen, stellen mich immer wieder vor Herausforderungen.
Für mich ist es offensichtlich, dass Gott uns in diese Welt gestellt hat. Alle anderen Versuche, das Leben zu erklären, machen für mich keinen Sinn. Außerdem glaube ich, dass Gott einen Plan mit dieser Welt hat und dass kein Leben sinnlos ist. Das stellt mich jedoch vor die Frage, warum ICH hier bin und was ICH in dieser Welt bewirke.

Wenn ich mir mein Umfeld anschaue, merke ich immer wieder, dass wir Menschen stark von unserem Egoismus angetrieben sind. Wir sind dann am produktivsten, wenn wir für unseren eigenen Erfolg wirtschaften und wir pushen uns gegenseitig darin, indem wir die Illusion kreieren, dass wir uns unseren eigenen Himmel auf Erden bauen könnten.
Doch ich glaube, dass Gottes Gedanke ein anderer ist. Der Sinn des Lebens ist nicht, dass wir uns das Paradies auf den Schultern anderer errichten.
Früher hatte ich eine Phase, in der ich so dachte. Ich habe das Leben wie eine Karriereleiter gesehen und dessen Sinn so verstanden, dass man versuchen sollte, diese soweit wie möglich zu erklimmen. Doch Gott hat in den letzten Jahren meinen Fokus auf ganz andere Dinge gelenkt. Mir ist bewusst geworden, dass alles weltliche vergänglich ist und dessen Wert dadurch auch nur von kurzer Dauer. Doch das Leben selbst ist ein Geschenk und die Herausforderung besteht meiner Meinung nach darin, es nicht nach unseren menschlichen Maßstäben bemessen, sondern zu versuchen, es durch Gottes Augen sehen.
Letzten Endes wird dies wahrscheinlich auch immer nur ein Versuch bleiben. Wenn ich mir aber vor Augen führe, was Gott alles für diese Welt getan hat, dass er seinen Sohn Jesus hat in ihr leben und sterben lassen, auf dass wir Menschen mit ihm versöhnt werden, glaube ich, dass er nach wie vor eine tiefe Liebe für uns bereithält. Die Welt durch Gottes Augen zu sehen heißt für mich also, zu versuchen, diese Liebe für die Welt nach zu empfinden.

Ein wesentlicher Punkt der Liebe ist, dass sie selbstlos ist. Und genau da wird mir auch klar, warum es nicht in erster Linie um den eigenen Erfolg geht. Es geht vielmehr darum, dass wir uns Zeit für einander nehmen, das Leben gemeinsam feiern, aber auch in schwierigen Zeiten für einander einstehen.
Angesichts dessen finde ich es sehr gut, wenn es sich Menschen zur Aufgabe machen, anderen zu helfen.
Wenn es sich nur darum drehen würde, könnte man jetzt denken, dass es in der heutigen Zeit, die geprägt von Kapitalismus und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, mehr und mehr die Aufgabe der Christen wäre, sich um die Menschen zu kümmern, die zunehmend vergessen werden.
Doch jeder Mensch, ganz egal ob Christ oder nicht, hat eigene Stärken, die ihn für bestimmte Aufgaben qualifizieren. Es geht nicht darum, dass wir alle Sozialarbeiter oder Ärzte werden, sondern dass wir einen Platz finden, wo wir unsere Fähigkeiten gut investieren können. Ansonsten würde unsere Zivilisation zusammenbrechen. Und ich denke auch, dass wir Christen da keine Ausnahme machen sollen.
Aber wenn man die Welt mit Gottes Augen sieht, hört es nicht damit auf, dass man einen guten Job macht, sondern dass man auch währenddessen den Blick für seinen Nächsten behält.

An sich würde ich diesen Gedanken gern als eine Art Lebensgrundlage nehmen. Ich würde gern mit einem inneren Frieden sowohl meine Stärken ausleben und gleichzeitig meine Mitmenschen weiter im Blick behalten. Doch leider funktioniert das für mich nicht so einfach. Ich vergleiche mich leider nach wie vor immer wieder mit anderen und dann kommen die Fragen. Was bewirke ich in dieser Welt?

Wir Menschen sind auf andere Menschen angewiesen und von Natur aus so veranlagt, dass wir uns mit einander vergleichen um unseren eigenen Standpunkt zu verorten.
Als Christ orientiere ich mich automatisch auch an anderen Christen, was nachvollziehbar ist und auch viel Gutes mit sich bringt. Dadurch bemerke ich aber auch, dass es andere Menschen gibt, die sich für ihre Nächsten viel mehr hingeben und ihr Leben viel stärker danach ausrichten, als ich dies tue.
Und dann schaue ich mich an – ich sehe den Typ, der sich seine romantische Scheinwelt zusammenträumt und ein paar nette Bilder malt – und ich frage mich, für wen ich das eigentlich mache.

Wir leben in einer Zeit der multimedialen Dauerbeschallung. Kunst hat an Kraft und Intensität verloren, weil wir Menschen nicht mehr die Ruhe haben, um uns auf sie einlassen zu können. Daher habe ich oft das Gefühl, dass ich all die Kunst eigentlich nur für mich selbst schaffe.
Ich sehe mich abgeschottet in meinem Zimmer sitzen, während andere Menschen Leben retten, den Hoffnungslosen neue Hoffnung schenken und versuchen diesen Planet aktiv zu einem besseren Ort zu machen. Und dann frage ich mich – Warum bin ich auf der Welt?

Eine Antwort auf all diese Fragen habe ich noch nicht gefunden. Aber ich habe zwei Dinge gelernt, an denen ich mich versuche festzuhalten, wenn die Fragen wieder mal über mich hereinbrechen.

1.Gott liebt mich unabhängig von meiner Leistung. Ich muss diese Welt nicht besser machen, um ihm zu gefallen. Er hat sich etwas dabei gedacht, als er mich so gemacht hat, wie ich eben bin und es ist meine Aufgabe herauszufinden, wie ich mit meinen Fähigkeiten, diese Welt mitgestalten kann.

2.Andere Menschen leben ihr Leben. ICH lebe MEIN Leben. Ich kann nicht die Aufgaben anderer übernehmen. Aber auch in meinem kleinen Rahmen werde ich Möglichkeiten finden, wie ich die Menschen um mich herum positiv beeinflussen und dadurch auch die Welt mitgestalten kann.

Wenn ich mir dies vor Augen rufe, werden die Zweifel und Fragen ein bisschen leiser und ich kann selbst wieder Hoffnung schöpfen. Und vielleicht ist dies auch der Grund, warum wir auf dieser Welt sind – um zu lernen, das Leben als Gott-gegeben zu verstehen und für dieses Geschenk dankbar zu sein.