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18. Januar 2017

#2
Abschied

von Sascha Gonzales

18. Januar 2017
Lesedauer: 4 Minuten
Von Sascha Gonzales


Abschied

Abschied nehmen von Menschen, die man ganz fest in sein Herz geschlossen hat, ist eine harte Nuss. Es fällt mir gerade schwer zu realisieren, dass eine meiner besten Freundinnen ab sofort nicht mehr in meiner unmittelbar-greifbaren Umgebung sein wird. Das macht mich wirklich traurig. Es macht mich wirklich traurig, dass ein Mensch geht, den ich als wahrhaftigen Freund sehe.

Bevor sie Halle am Montag verlassen hat, konnten wir letzten Sonntag nochmal einige Stunden miteinander verbringen, Lebensfreude teilen, Tiefe erleben und gemeinsam ihren (vorerst) letzten Gottesdienst in unserer Gemeinde feiern. Es war eine ehrliche und wertvolle Zeit zusammen. Nicht nur an diesem Tag, sondern auch zuvor - jedes Mal.

Diese Kolumne hier soll euch ja immer einen kleinen Einblick in mein Leben gewähren und ich möchte hier nicht einfach nur erzählen, dass ich gerade traurig bin - nein. Das wäre zu eindimensional; auch wenn es stimmt.
Ich möchte versuchen euch in dieser kurzen Form einen Gedanken näher zu bringen, über den wir am Sonntag noch gesprochen haben: Der Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung.

Wir denken oft, dass wir Menschen in unserem Leben brauchen, die "ehrlich" zu uns sind. Die uns sagen, was sie denken; komme was wolle. Aber das stimmt nicht ganz. Das ist zu einfach.
Was wir wirklich brauchen, sind Menschen, die unser Herz sehen. Die erkennen, wer wir sind und was wir brauchen. Die verstehen wollen, was in uns passiert und die sensibel damit umgehen. Die ihre Augen und Herzen nicht verschließen, sondern denen es genauso schmerzt wie uns, wenn sie einmal eine Wahrheit sagen, die wehtun kann - und nicht ihre subjektive Meinung.

Meinungen sind wertvoll - versteht mich bitte nicht falsch. Ich denke nur, dass sie zweitrangig sind, wenn es um unsere Seele geht.

Lasst mich probieren es euch an einem Beispiel zu erklären:

Die Schwester meine Frau hat mir letztens eine Geschichte erzählt. Sie und ihr Mann arbeiteten ehrenamtlich in einer Einrichtung in Los Angeles für Rehabilitierung und für eine 2. Chance im Leben. Eines Abends kam eine junge Frau zu ihr, von der sie wusste, dass sie mit extremen Selbstzweifeln, Unsicherheiten und Ängsten zu kämpfen hatte. Sie empfand sich als unschön und wertlos und lernte gerade in diesem Zentrum, dass sie schön ist und geliebt wird. Sie lernte gerade die Wahrheit Gottes kennen.

Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. – Psalm 139, 13-14

Jedenfalls kam diese Frau zu ihr und hatte sich gerade ihre Nägel neu gemacht; und fragte: „Sehen sie [die Nägel] schön aus?“

— kurze Pause: Was ist hier die eigentlich Frage, die diese junge Frau stellt? .. Es geht nicht um die Nägel. Es geht darum, dass sie fragt „Bin ich schön?“ „Nimmst du mich wahr?“ „Siehst du mich?“ Und diese Fragen haben nichts damit zu tun, ob ihre Nägel schön sind oder nicht. Es geht nicht um die subjektive Meinung dahinter, auch wenn sie danach zu fragen scheint. Es geht um die Wahrheit: „Liebst du mich, so wie ich bin?“

Die Schwester meiner Frau antwortete mit „Ja, sie sind wunderschön.“ und vermittelte mit ihrer Körpersprache und ihrem Geist „Du bist schön.“ „Ich nehme dich wahr.“ „Ich sehe dich.“ - und: „Ich liebe dich, so wie du bist.“

DAS ist Wahrheit.

Ich war so lange, sooo lange ein Verfechter davon, Menschen immer und überall „meine Wahrheit“ mitzuteilen, ohne auch nur darüber nachzudenken, ob ich gerade ihr Herz sehe oder nur mich und meine Meinung. Seit Sonntag realisiere ich das in Gänze. Und es lässt mich ebenfalls realisieren, dass meine Freundschaften wahrhaftig sein sollen; und nicht nur "ehrlich". Danke Anna.