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24. Januar 2019

#9
Ebbe

von Maximilian Stopp

24. Januar 2019
Lesedauer: 3 Minuten
Von Maximilian Stopp


Ebbe

Es ist Ebbe – und das nervt. Heute wird es sehr persönlich und ich werde versuchen meine innersten Gedanken auf's Papier zu bringen. Es könnte etwas verstörend für dich werden, wenn du bisher einen 'frommen Christen' in mir gesehen hast. Ich habe mich bemüht ehrlich zu schreiben, damit genau das nicht passiert, aber falls doch, dann wird da heute nochmal einiges zurechtgerückt. Wenn diese Kolumnen dir in deinem Christ sein/werden wirklich helfen sollen, dann ist es wichtig, dass ich über das Leben schreibe und nicht über ein frommes Abbild, wo man die dunklen Stellen geschickt verheimlicht oder kaschiert.

Nach meinem Wirtschaftsingenieurstudium und einem Jahr in einer Unternehmensberatung habe ich mich entschieden, nochmal zu studieren. Ich habe gekündigt, bin vom hektischen Stuttgart ins schöne Halle an der Saale gezogen und habe angefangen Kunstgeschichte und Philosophie zu studieren. Ich wollte neues Wissen statt Alltag im Büro, Bücher lesen statt auf den Bildschirm schauen. Philosophie (Liebe zur Weisheit) habe ich nach nicht einmal zwei Semestern aufgegeben, weil ich frustriert war. Alles war verschult und neben mir saßen zum großen Teil achtzehnjährige Lehramtsstudenten, die einmal Ethik unterrichten wollen und sich deshalb nun unfreiwillig mit Platon und Kant rumärgern müssen. Ich wollte doch "die Welt verstehen", mich austauschen, in der Schönheit der Literatur verlieren und von gebildeten Leuten lernen. Das war eine naive Vorstellung. Kunstgeschichte frustriert mich gleichermaßen, weil ich der festen Überzeugung bin, dass von meinen 80 Kommilitonen mindestens 60 lieber keine Kunstgeschichte studieren sollten. Dieses Umfeld ist in meinen Augen unfruchtbar, wenig intellektuell und ohne Idealismus; und es fehlt mir die Disziplin, um "für mich allein" zu studieren. Frustlevel: ziemlich hoch.

Ich merke täglich, wie ungebildet ich bin. Bei Quizspielen gewinne ich zwar ab und an, ich kenne die Lebensdaten von Goethe, Schiller und Kollegen. Ich weiß, dass Kirchner in Dresden studiert hat und kann dir einige schlaue Zitate aus Schillers Werken nennen. Aber es sind Bruchstücke. Es ist eben ein Unterschied zu wissen, dass Goethe "Faust" geschrieben hat oder das Buch tatsächlich gelesen und im idealen Falle verstanden zu haben. Aber dann gibt es da noch Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin, Luther, Kant, Hegel, Nietzsche, Heidegger, Kierkegaard, Barth, Bonhoeffer, Sartre, Camus und zahlreiche mehr. Hinter all den Namen verbergen sich große Ideen, Biografien und intellektuelle Auseinandersetzungen mit den gleichen 'großen Fragen' mit denen wir uns heute beschäftigen. Oder nicht beschäftigen. Ich bin wütend auf mein Umfeld, auf Germany's Next Topmodel, RTL 2 und den Bachelor. Wir sind bestimmt von Ablenkungen und Sinnlosigkeiten. Sklaven des Zeitvertreibs.
Aber nun zu mir: Mein Bachelor ist die Fußball-Bundesliga, Instagram begleitet meinen Alltag und ich verschwende Unmengen an Zeit mit anderen sinnlosen Dingen. Ich bin wütend auf mich. Frustlevel: krass hoch.

Welche Rolle spielt nun Gott in alledem? Fakt ist: Ich bin frustriert und wütend. Von der Frucht des Geistes: Kaum eine Spur. Geduld: Fehlt komplett. Sanftmut und Nächstenliebe: Wie soll das denn gehen? Mal ehrlich – ich denke mir oft: Macht die Uni zu, bei den ganzen Idioten lohnt sich das eh nicht. Sind diese Gedanken ehrlich? Ja. Sind sie fromm und nach Christi Willen? Nein. Absolut nicht. Ich will aber mehr und mehr Nachfolger Christi sein. Ich brauche Jesus dringend und umso wütender bin ich, weil er im Moment absolut weit weg scheint und nicht greifbar ist. Wenn ich Hunger habe, esse ich und wenn ich angespannt bin, lege ich mich mit guter Musik in die Wanne. Das ist greifbar und hilft.

Was also mache ich bei geistlicher Ebbe? Frage 100 Christen und fast alle werden dir sagen: Bete, lies mehr Bibel, geh in den Hauskreis und in die Gemeinde. Grandioser Tipp, darauf wäre ich allein nicht gekommen. Innerlich fang ich an mich zu übergeben, weil mir diese ganzen heiligen Antworten richtig auf den Keks gehen. Ich würde tausendmal lieber wegrennen oder diese frommen Leute mal richtig anschreien und mich auskotzen über innere Leere, Frust und tiefe Zweifeln. Sie schütteln und ihnen an den Kopf werfen, dass sie naiv sind, unreflektiert und in einer Blase leben, ohne sich mit alternativen Ideen und Zweifeln auseinanderzusetzen. Fromme Antworten fühlen sich dann an wie Hohn und Spott. Ich selbst komme mir vor wie ein Lügner, wenn ich an meine Kolumnen denke oder an Gespräche in der WG-Küche, wo ich den Glauben an Christus hochhalte.

Da gerade absolute Ebbe ist, werde ich dir jetzt keinen frommen Bibelvers zum Ende der Kolumne schreiben. Aber zum Abschluss noch ein kurzer Gedanke: "Wohin sonst sollten wir gehen?", als allein zu Jesus, wie er in der Bibel beschrieben wird und wie ich ihn selbst schon erlebt habe: Voller Geduld, voller Liebe, voller Verständnis und Sanftmut, voller Hingabe. Mit unendlicher Gnade und ohne Zorn und moralisierender Attitüde. Wen könnte ich mir in dieser Situation lieber an meiner Seite wünschen? Wem lieber mein Herz ausschütten und von wem mich lieber tragen lassen? Wer hört mir geduldig zu, heilt meine Wunden und liebt mich ohne Ende?

Jesus ist kein Arschloch und kein Lügner. Er versteckt sich nicht vor mir. Er lässt sich finden, wenn wir ihn von ganzem Herzen suchen. Das hat er versprochen. Daran halte ich fest. Wenn du ihn mit aller Hingabe suchst und ihn nicht findest, dann ist Jesus eine Lüge und das Christentum ein schmerzender Splitter im Fleisch der Menschheit. Such und finde es heraus!