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22. November 2018

#6
Luther will es wissen

von Maximilian Stopp

22. November 2018
Lesedauer: 4 Minuten
Von Maximilian Stopp


Luther will es wissen

Ich begrüße dich und wünsche dir eine gute Zeit beim Lesen und ein kraftvolles Wirken Gottes.

Seit genau drei Wochen treffen wir uns jeden Tag um 7:00 Uhr an der Saale und beten gemeinsam für die Stadt, die Gemeinden, Erweckung in unserem Umfeld und für persönliche Anliegen. Zu dieser Uhrzeit kostet es manchmal Überwindung, gerade wenn es draußen noch kalt und dunkel ist, aber Gott segnet diese Zeit, kommuniziert mit uns und beschenkt uns zudem mit guter Gemeinschaft, frischer Luft und wunderschönen Sonnenaufgängen in der Ruhe seiner einzigartigen Schöpfung. Gebet hat Kraft und es verändert Dinge und es lässt mich ganz neu nachdenken und ich spüre, wie Gott an mir rüttelt und mich herausfordert.

Gerade lese ich ein Buch erneut, das Gedanken Kierkegaards sammelt und sein Verständnis von Glauben offenbart. Kierkegaard (1813-1855) gilt als Begründer der Existenzphilosophie, war Theologe, bekennender Christ und entschiedener Kritiker der dänischen Staatskirche und eines Christentums, das mehr und mehr in eine Lehre und somit in "lächerliches Geschwätz" verwandelt wurde. Ich liebe dieses Buch und ich glaube, Kierkegaards Gedanken können uns zu einem lebendigen Glauben inspirieren.

Ich möchte dir heute ein paar Zeilen aus diesem Buch wiedergeben und damit auch Bezug nehmen auf die letzte Kolumne und den Satz, der darin das Herzstück bildete: "Der Gegenstand des Glaubens ist keine Lehre und kein Lehrer, sondern die Existenz des Lehrers."

Für Kierkegaard galt es: "Eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu entdecken, für die ich leben und sterben will." Er hatte die Schnauze voll von einem intellektuellen, objektivierten Christentum, von immer neuen Erkenntnissen und Lippenbekundungen, ohne Auswirkung auf den eigenen Glauben und somit ohne tiefere Bedeutung.

Kierkegaard führt Luther als Beispiel für einen lebendigen Glauben an, der große Auswirkungen auf die eigene Existenz hat. Luther sagt: "Der Glaube ist ein unruhiges Ding." und Kierkegaard nimmt diese Aussage, um sein Glaubensleben exemplarisch und stellvertretend zu prüfen. Ich übertrage die geschilderte Situation auf unsere heutige Zeit und auf mein Leben. Lass dich einmal darauf ein.

Stellen wir uns vor, dass Luther wieder lebendig geworden ist und unerkannt unter uns lebt und unsere Leben kennt. Eines Tages spricht er: "Hast du den Glauben?" und ich antworte: "Ja, ich bin ein Glaubender." Darauf erwidert Luther: "Wieso das denn? Davon habe ich dir nichts angemerkt. Du weißt ja, der Glaube ist ein unruhiges Ding! Wozu hat dich denn der Glaube, den du angeblich besitzt, aufgeregt? Wo bist du als Zeuge für die Wahrheit aufgetreten? Wo bist du gegen Unwahrheit aufgestanden? Welche Opfer hast du gebracht? Welche Verfolgung hast du erlitten? Woran waren deine Selbstverleugnung und deine Entsagung zu merken?"

Ich erwidere: "Ja, aber.., lieber Luther, ich kann dir versichern, dass ich den Glauben habe!" Worauf Luther sagen könnte: "Versichern? Zum Besitz des Glaubens bedarf es keiner Versicherung, wenn man ihn wirklich hat, und wenn man ihn nicht besitzt, so kann keine Versicherung helfen!" Ich entgegne: "Ja, aber wenn du bloß eine meiner Schriften lesen wolltest, so würdest du sehen, wie ich den Glauben darstellen kann, und deswegen weiß ich ja auch, dass ich ihn haben muss."

Luther: "Wenn du den Glauben darstellen kannst, so beweist das bloß, dass du ein Dichter bist, und wenn du es gut machst, dass du ein guter Dichter bist; aber damit beweist du keineswegs, dass du ein gläubiger Mensch bist. Vielleicht kannst du auch weinen, wenn du den Glauben darstellst, das würde dann beweisen, dass du ein guter Schauspieler bist." Der Dialog geht bei Kierkegaard noch weiter, aber ich breche an dieser Stelle ab.

Ich mag Luther. Ich kenne viele, die Luther mögen, ihn zitieren und als Vorbild nennen. Aber von seiner Radikalität und Entschlossenheit sehe ich wenig. Weder in meinem Leben, noch in meinem Umfeld; zumindest nicht in diesem Umfang. Luther betont immer wieder die Gnade (sola gratia) und führt an, dass wir allein aus Gnade erlöst sind. Gott sei Dank. Aber Luther wollte in erster Linie die 'Verdienstlichkeit' von den Werken nehmen. Die Welt nahm die 'Verdienstlichkeit' fort – samt den Werken. So einfach kann man es sich machen.

Es geht mir nicht darum, mich und euch mit Vorwürfen fertig zu machen, sondern die Augen zu öffnen und uns zum Nachdenken zu bringen, welchen Stellenwert wir dem Glauben in unserem Leben einräumen und auch, welchen Preis wir zu zahlen bereit sind. Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Jesus hat den Preis bezahlt. Es ist vollbracht. Daran gibt es nichts zu rütteln. Es geht um die Auswirkung des Glaubens in unserem Leben. Damit möchte ich den Bogen schließen und noch einmal zu der Aussage zurückkommen, dass der Gegenstand des Glaubens eben keine Lehre und kein Lehrer ist, sondern die Existenz des Lehrers. Also die Existenz Jesu, der ganz Mensch und ganz Gott ist.

Wenn mein Glauben mir deutlich macht, was Jesus für mich getan hat – allein aus unendlicher Liebe; wenn ich glaube, dass Gott der kreative und geniale Schöpfer der Welt ist; wenn ich glaube, dass allein Jesus der Weg hin zu Gott ist; wenn ich glaube, dass sein Geist in uns lebt,.. ja, wenn ich das alles wirklich glaube: Dann ist es ein Paradoxon, wenn ich mich dem Christentum - und somit Gott selbst - intellektuell nähere, anstatt vor ihm aus lauter Dankbarkeit und Ehrfurcht auf die Knie zu fallen. Ich höre an dieser Stelle auf. Es ist für heute alles gesagt.

Es beschämt mich selbst, dass mein Glaube so wenig Auswirkung auf mein Leben hat. Ich versinke aber nicht in Schuld und Abkehr, sondern mache mich neu auf die Suche nach diesem Gott und bitte ihn, dass er mir "alles" wird.

Die Güte des HERRN hat kein Ende, sein Erbarmen hört niemals auf, es ist jeden Morgen neu! Groß ist deine Treue, o Herr! Darum setze ich meine Hoffnung auf ihn, der HERR ist alles, was ich brauche. Denn der HERR ist gut zu dem, der ihm vertraut und ihn von ganzem Herzen sucht. – Klagelieder 3, 22-25 (Hoffnung für alle)

Seine Gnade ist jeden Morgen neu und sein Erbarmen hört niemals auf. Amen.