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19. März 2020

#31
Kirchen, Prunk und Wir

von Raphael & Ramona Bellmann

19. März 2020
Lesedauer: 3 Minuten
Von Raphael & Ramona Bellmann


Kirchen, Prunk und Wir

Letztens war ich auf einer theologischen Tagung in Marburg. An einem Vormittag waren wir in einer sehr schönen und historischen Kirche, ein Professor hatte eine Führung vorbereitet. Diese Kirchenführung hat mein Bild auf Kirchen und alte und auch prunkvolle Kirchengebäude noch weiter revolutioniert.

Ich weiß nicht, was du denkst, wenn du an einer Kirche oder sogar an einem Dom vorbeiläufst und vielleicht sogar da durch läufst. Ich habe eine lange Zeit gedacht, dass dieser ganze Prunk und alles darin eine ziemliche Verschwendung ist und dass man damals, als die Gebäude gebaut wurden, doch lieber die Ressourcen für das arme Volk hätte benutzen können. Dann habe ich irgendwann auch anerkannt, dass der Bau einer schönen Kirche durchaus auch ein Ausdruck des Lobes Gottes sein kann. Doch diese Kirchenführung in Marburg hat, wie gesagt, meinen Blick noch weiter verändert.

Man stelle sich folgende Situation vor: Ein Bauer schwitzt auf dem Feld, arbeitet den ganzen Tag im Dreck, versucht seine Kinder zu ernähren und möchte ihnen eine Zukunft ermöglichen und sitzt abends in dunklem Kerzenschein in einer eher modrigen Hütte. In diesem Alltag sehnt er sich nach Gott, aber kann sich dessen Gegenwart in seiner Situation einfach nicht vorstellen. Auch das Himmelreich, das ja seine Hoffnung sein soll, seine zukünftige Heimat, kann er sich einfach nicht vorstellen. Doch dann kommt er in eine Kirche. Riesige Fenster aus buntem Glas, die den Raum in Licht tauchen, als ob man in einem Regenbogen steht. Wohlriechende Düfte, leuchtende, goldene Verzierungen, bunte Bilder und der Klang einer Orgel, eines Instrumentes, das jenseits aller Klangvorstellungen den Raum erfüllt, ja sogar den ganzen Körper. Eine Predigt, die ihm das Wort Gottes auslegt, es ihm nahebringt und er seinen Gott mehr verstehen und kennenlernen kann.
In diesem Moment kann der arme Bauer all seine Sorgen des Alltags hinter sich lassen, einen Moment die Gegenwart Gottes wahrnehmen und sich das Himmelreich vorstellen, in dem sein Herr Jesus König ist! Ein Königreich, das voller Frieden ist. Frieden, den er in seinem Alltag nicht erlebt. Doch in dieser Kirche, in diesem Licht, diesem Duft und dieser himmlischen Musik, erlebt er ein Stück des königlichen, himmlischen Friedensreiches, das er einmal selbst bewohnen wird. Dieses Erlebnis begleitet den Bauern durch die ganze Woche, und lässt den Alltag erträglich sein.

Eigentlich ist das Kirchenerlebnis, das die Menschen damals haben sollten und auch hatten, nichts anderes als das, was man heutzutage in den modernsten Gemeinden erreichen will. Die neuste Musiktechnik, eine Stimmung, die die Nähe Gottes vermitteln und den Alltag einfach mal hinter einem lassen soll. Ein Moment der Begegnung mit dem lebendigen Gott, ein Moment der Hoffnung auf das kommende Himmelreich. Nur beschwert man sich heute nicht darüber, dass die Kosten, die in so ein Gottesdienst-Event gesteckt werden, ja auch anders hätten verwendet werden können, schließlich fühlt man sich durch die erzeugte Stimmung ja Gott viel näher als im Alltag.

Ich muss sagen, dass sich meine Kritik und manchmal vielleicht sogar eine innere Abneigung gegen solche prunkvollen Kirchen in tiefes Verständnis und Ehrfurcht verwandelt hat. Die Dinge, die ich sonst für unnötig hielt, durfte ich als Vermittlung zwischen Gott und Mensch anerkennen. Damals hatten die Menschen auch nicht solch eine vielfältige Möglichkeit, ihrem Alltag zu entfliehen oder sich ihn leichter zu gestalten und einfach mal abzuschalten, so wie wir es heute haben. Viele konnten ja noch nicht mal in der Bibel lesen. Die Geschichten kannten sie vielleicht nur durch die Wandgemälde oder Kirchenfenster, später auch durch die Predigt und die Kirchenlieder in ihrer Sprache. Da konnte so ein Kirchenaufenthalt einfach mal ein Durchatmen in Gottes Gegenwart bedeuten.

Vielleicht denkst du jetzt ja auch anders oder hast einen neuen Blick für alte Kirchen inklusive ihrer Kunst und Verzierungen bekommen. Gleichzeitig hat sich mir durch diese Gedankentransformation die Frage gestellt, in was für einem Kontext oder in was für einer Umgebung ich mich Gott näher fühle, ihn entdecke oder ich meinen Alltag einfach mal hinter mir lassen kann.
Wenn man in der Stadt wohnt, konnte ich letztens wieder erfahren, wie beruhigend die Natur sein kann und wie ich auch durch das Beobachten der Natur und ihres frühlingshaften Erwachens ins Staunen über ihren Schöpfer gerate. Vielleicht könnte man sich ja auch in seinem Alltag einen kleinen Ort oder eine Umgebung schaffen, auch wenn es nur für einen Augenblick ist, in dem man bewusst in Gottes Gegenwart kommen möchte.

Wie könnte so ein Ort für dich aussehen? Vielleicht kannst du dir ja auch gerade jetzt, wo wir in einer Situation sind, in der wir nun öfter zu Hause sind (auch sonntags) und sich unser Alltag überwiegend in den eigenen vier Wänden abspielen sollte, einen Ort in deinem Zuhause schaffen, der dich an Gott und sein kommendes Reich erinnert. Es muss ja kein prunkvolles Wandbild sein, aber einfach eine Kleinigkeit, die deinen Alltag durchbricht und dich kurz innehalten lässt, um sich Gottes Gegenwart bewusst zu werden.

Sei gesegnet auch in der jetzt etwas veränderten Alltagssituation.