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06. Juni 2019

#15
Überlebenstraining

von Raphael & Ramona Bellmann

06. Juni 2019
Lesedauer: 4 Minuten
Von Raphael & Ramona Bellmann


Überlebenstraining

Letztens habe ich ein Buch gelesen, das heißt 'Sabbat im Café'. Dieses Buch hat eine messianische Jüdin, also eine Jüdin, die Christ geworden ist, geschrieben. Sie sagt, sie vermisse die verschiedenen religiösen Rituale, die ihrem Leben einen Rahmen gegeben haben. Rituale, die in jeder Lebenssituation den Fokus auf Gott gerichtet haben.
Ich muss sagen, das Buch hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Als Christ kommt man schnell dahin, dass man sich gegen alles wehrt, was 'religiös' zu sein scheint, weil das mit Einengung verbunden wird. Aber ganz ehrlich, wir haben alle unsere Rituale. Der Kaffee am Morgen, der Griff zum Smartphone in ganz bestimmten Situationen und vieles mehr. Und an Tagen, die keine Struktur von außen haben, ist eine Serie der beste Freund oder man gammelt vor sich hin und am Ende des Tages stellt man fest, dass man Gott irgendwie vergessen hat.

Dem persönlichen Leben einen rituellen Rahmen zu geben, der einem hilft, sich auf Gott zu fokussieren, ist also sehr gut. Natürlich sind wir als Christen nicht zu bestimmten Ritualen verpflichtet, aber dennoch sind sie empfehlenswert. Viel zu oft vergessen wir, wo unsere religiösen Wurzeln sind, nämlich im Judentum. Und von den Juden können wir einiges lernen. Auch Jesus war ein Jude und dementsprechend war sein Alltag gefüllt von Ritualen, also geistlichen Übungen.

Wir haben die Möglichkeit, als Ebenbilder Gottes kreativ zu sein. Und wir können auch unseren Alltag so kreativ gestalten, dass aus jeder Situation oder zu bestimmten Zeiten der Fokus automatisch auf Gott gerichtet wird. Sozusagen geistliche Übungen.
Was wären für dich geistliche Übungen? Oder was könnte für dich eine Art 'Ritual' werden, das dich automatisch auf Gott fokussiert?
Ich stelle mir solche geistlichen Übungen und Rituale immer wie Übungen vor, die im Ernstfall lebensrettend – im geistlichen Sinne – sein können.

Im Kampfsport lernt man auch bestimmte Dinge, die erst im Ernstfall wirklich lebensrettend sein können. Dazu müssen die Bewegungen aber tief drinnen sitzen und wie ein Automatismus funktionieren. Auch wir befinden uns in einem Kampf – einem geistlichen Kampf. Warum sollten wir uns da nicht auch geistlich trainieren? Genauso ist es bei sehr vielen Dingen im Leben, die man lernen muss und man sich denkt "Wozu brauch ich das denn!?" und dann kommt eine Situation und man hat die Antwort.
Ich habe mal ein Buch gelesen, das war die Geschichte eines Bekannten meines Opas im zweiten Weltkrieg. Er war Soldat und hat die hoffnungslosesten Situationen erlebt und überlebt. Doch für sein geistliches Überleben waren die auswendig gelernten Bibelverse mit den Zusagen Gottes und die Wahrheiten über Gott fundamental. Doch bis etwas wirklich in den Gedanken und Handlungen fest verankert ist, braucht es Übung und Routine, und natürlich auch Disziplin dabei.
Mit der Disziplin tue ich mich sehr schwer. Da nehme ich mir zum Beispiel vor, jeden Morgen früh aufzustehen, spazieren zu gehen, Bibel zu lesen und zu beten, und nach ein paar enthusiastischen Erfolgserlebnissen bleibe ich schnarchend liegen.

Ein paar Verse, die zu Gebetsritualen im Judentum geführt haben, sollten auch uns die Wichtigkeit der Bibel und der Beständigkeit geistlicher Übungen aufzeigen. Gottes Wort, er selbst, soll ständig für uns gegenwärtig sein, egal wo wir sind:

Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore. – 5. Mose 6, 5-9 (Lutherbibel 2017)

Wenn wir eine Struktur in unser geistliches Leben bringen, zum Beispiel durch bestimmte Rituale, sozusagen unser Leben liturgisch leben, kann uns das vor Durststrecken bewahren. Und wenn sie kommen, können diese Rituale, diese Struktur, eine Stütze und Hilfe sein, dass wir uns nicht vollkommen von Gott zurückziehen, sondern automatisch, aber bewusst, in seine Gegenwart treten. Unsere trainierte Bewegung hin zu Gott kann uns davor bewahren, vor Gott wegzulaufen. Gerade weil wir Menschen Profis im Weglaufen und Verstecken vor Gott sind (schon Adam und Eva haben sich vor Gott versteckt), ist es wichtig, geistliche Kampftechniken gelernt zu haben, die uns am Weglaufen hindern.
In was für Situationen versteckst du dich am liebsten vor Gott? Hast du schonmal Situationen erlebt, in denen z.B. ein auswendig gelernter Bibelvers oder eine aufgeschriebene Wahrheit über Gott und über dich, eine geistliche Kampftechnik war, die dich am Weglaufen oder Aufgeben gehindert hat?

Wichtig bei den geistlichen Übungen oder Ritualen ist natürlich, dass sie keine leeren Hüllen sind, sondern dass wir uns bewusst sind, was wir tun und warum. Weil Gott heilig ist. Weil er Liebe ist. Weil er das einzige in unserem Leben ist, was wirklich trägt und bleibt. Weil er der König ist und Interesse an mir hat, weil er mich so unbegreiflich liebt.

Ich bin Profi im Weglaufen (nicht im sportlichen Sinne), aber ich will mich dahin trainieren, dass ich automatisch zu Gott hin statt vor ihm weglaufe, weil ich meine ganze Lebensstruktur so aufgebaut habe, dass mein Alltag automatisch auf ihn ausgerichtet ist. Das ist ein langer Weg, aber ich möchte ihn gehen und auch dich dazu einladen, diesen Weg zu gehen; dieses geistliche Training zu trainieren. Wir können uns einen Lebensstil angewöhnen, der uns im Ernstfall eine Orientierung geben kann und der dabei hilft, uns auf den zu konzentrieren, der die einzig wirkliche Orientierung im Leben geben kann - Gott.
Ich wünsche dir Gottes Segen beim Trainieren.