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15. November 2018

#3
Gerechtigkeit, Gnade und Wir
Teil 2

von Sascha Gonzales

15. November 2018
Lesedauer: 6 Minuten
Von Raphael & Ramona Bellmann


Gerechtigkeit, Gnade und Wir – Teil 2

Hallo, ich bin's wieder, der Raphael, und ich möchte heute ein Thema weiterführen, das ich letztes Mal schon angeschnitten habe mit den Worten:
"Er ist gerecht, und seine Gerechtigkeit zeigt er in seiner Gnade. Und wenn wir diese Gnade als Ausdruck seiner Gerechtigkeit annehmen, sind wir gehorsam." Ich werde jetzt etwas mehr auf die Gerechtigkeit Gottes eingehen, denn die hat sehr viel mehr mit uns zu tun, als wir denken.

Die Gerechtigkeit Gottes wurde über die Zeit hinweg so pervertiert, dass der "Gott der Gerechtigkeit" zu "Gott, der strafende Richter" wurde, der die ganze Zeit unser Verhalten wachsam registriert und manchmal darauf reagiert, indem er den Guten belohnt und die Schlechten bestraft. Aber die Vorstellung eines willkürlich vernichtenden Strafgerichts ist ein gottloses Bild. Manch einer wird denken, dass Gott doch vor allem im Alten Testament böse erscheint und willkürlich alle bestraft. Doch auch im Alten Testament, vor allem im Buch Jesaja wird deutlich, dass die Gerechtigkeit Gottes eine rettende Gerechtigkeit ist. Sie besteht in Erlösungstaten und Heilserweisungen, durch die er seine Verheißung bewahrt und bestätigt, dass er die Verpflichtungen seines Bundes mit Israel erfüllt, denn den Seinen begegnet seine Gerechtigkeit als Heil und Erlösung und als ein siegreiches Eintreten für sein Volk (Jesaja 41,2; 41,10; 51,1; 51,5; 54,17). Das bedeutet auch, dass er das Recht Israels durch gerichtliches Handeln schützt. Um aber nicht darauf zu kommen, dass Gott also doch ein willkürlich strafender Gott ist, müssen der richtende und der errettende Aspekt der Gerechtigkeit Gottes ineinander bestehend gesehen werden. Denn im Gericht geht es um Gerechtigkeit. Vor allem für die, denen Unrecht widerfahren ist. Es geht darum, dass wieder alles in die 'richtige Form' gestellt wird. Gottes Gerichtstaten sollen denjenigen, denen das Gericht gilt, mit ihrem Unrecht konfrontieren. Das höchste Ziel dabei ist die Umkehr, durch die sie dem Recht Gottes die Ehre geben würden und Gnade erfahren könnten. Doch wenn keine Umkehr kommt, dann müssen die Konsequenzen getragen werden.
In einem äthiopischen Text bedeutet die Ankunft eines Gerechten gleichzeitig die Zerstörung der Bösen. Es ist wichtig, dass die Elemente zerstört werden, die dem Heil für die anderen im Weg stehen wollen und sich gegen ebendiese wehren. Denn Gerechtigkeit meint nicht eine kosmische Harmonie, sondern sie meint ein Ereignis, bei dem durch Gottes Eingreifen in der Welt das Heil der Menschheit erwirkt werden kann. Das heißt auch, dass das, was das Heil der Menschheit verhindern will, eingedämmt oder entfernt werden muss.
Wen Gott an seiner Gerechtigkeit teilhaben lässt, der erfährt Rettung und Heil. Und diese verliehene Gerechtigkeit ist kein menschliches Produkt, sondern eine Gabe Gottes, die durch den Glauben verliehen wird.
Besonders in Jesaja wird deutlich, dass die Verheißungen von Errettung und Heil Gottes Plan und sein Ziel für die ganze Schöpfung sind. Die ursprünglich aus dem Bundesverhältnis mit Israel hervorgehende Gerechtigkeit wird nun universell. Jeder Mensch wird das Anrecht haben können, sich auf Gottes Hilfe zu berufen. Und weil Gott seine Gerechtigkeit im Heil und der Erlösung durchsetzt, ist genau diese Gerechtigkeit der Ausgangspunkt zur Sündenvergebung.
Die Gerechtigkeit Gottes ist stark mit dem Messias verbunden (Jesaja 11,1). Und genau durch diesen hat Gott seine Gerechtigkeit offenbart. Im Römerbrief wird dieses Thema kompakt ausgeführt:

Weil alle Menschen gesündigt haben und deshalb unter der göttlichen Verdammung stehen, hat Gott seine Gerechtigkeit in Jesus Christus für alle, die an ihn glauben, offenbart. – Römer 3, 22-23

Damit hat er gezeigt, dass er sowohl der Gerechte ist, als auch der, der diejenigen gerecht macht, die an Jesus Christus und sein Sühneopfer glauben (Römer 3,26).

Wenn hingegen jemand, ohne irgendwelche Leistungen vorweisen zu können, sein Vertrauen auf Gott setzt, wird sein Glaube ihm als Gerechtigkeit angerechnet, denn er vertraut auf den, der uns trotz all unserer Gottlosigkeit für gerecht erklärt hat. – Römer 4, 5

Dieses Geschenk, das uns von der Macht der Sünde befreit hat, wird allein durch Gottes Initiative und allein durch seine Macht vollendet. Die Gnade Gottes ist also die Rechtfertigung durch den Glauben an Jesus Christus und nicht durch Werke. In diesem Punkt sind Glaube und Werke gegensätzlich und verdeutlichen, dass die Rettung nur von Gott ausgehen kann. Durch Jesus Christus hat Gott das vollbracht, was das Gesetz nicht bewirken konnte, denn die Menschen haben das Gesetz nicht als Geschenk, sondern als bedrohliches Moralregister gesehen und dann Angst gehabt, dieses zu brechen. Deshalb haben sie sich selbst Gesetze gemacht, die verhindern sollten, dass sie das eigentliche Gesetz nicht brechen. Das hat aber dem Sinn und dem Prinzip des Gesetzes widersprochen, und dadurch haben sie sich schuldig gemacht, denn sie haben sich selbst und anderen Menschen Lasten auferlegt, die sie nicht erfüllen konnten. Aber durch unser Sein in Christus und seinem Geist in uns, sind die gerechten Forderungen des Gesetzes in uns durch ihn erfüllt. Doch wir werden nicht einfach durch innere, menschliche Werte freigesprochen, oder weil Gott jemanden einfach aus Liebe entlässt, sondern weil Gott bestätigt, dass wir durch die Anrechnung der Gerechtigkeit Christi einen neu hergestellten Status bekommen haben (Römer 4,24). Diese Gerechtigkeit Gottes ist nicht einfach nur ein Geschenk, sondern es ist die Selbstoffenbarung der Macht Gottes. Durch diese Heilstat, die ab dem Tod und der Auferstehung Christi wirkt, hat Gott seine Macht an der gesamten Schöpfung manifestiert. Im Neuen Testament wird deutlich, dass der Glaube keine selbstständige, menschliche Qualität ist, sondern dass der Mensch die Freiheit hat, auf das Evangelium zu antworten, das Gott einem anbietet.
Man kann also erkennen, dass sich Gottes Heilshandeln vom Alten in das Neue Testament durchzieht. Das Fundament des christlichen Glaubens ist die Tatsache, dass sich das, was im Alten Testament verheißen wurde, im Neuen Testament erfüllt hat. Gott hat als Schöpfer einen ewigen Willen für seine Schöpfung. Er kam selbst in Jesus Christus in die Weltgeschichte hinein und dadurch wurden die Verheißungen (unter anderem aus Jesaja) erfüllt. Gott hat durch Jesu Leben, Tod und Auferstehung die Sünde verurteilt und die Macht des Todes ein für allemal gebrochen, indem er selbst anstelle des Sünders die Verurteilung auf sich nahm. Genau darin besteht das Evangelium: Gottes Gerechtigkeit wurde durch diese Tat offenbart und dient als Kraft Gottes für alle, die glauben. Durch die Selbstoffenbarung der Gerechtigkeit Gottes durch Jesus Christus am Kreuz, wurde das neue Zeitalter eingeläutet, in dem man in der Gegenwart Gottes durch seinen Geist ohne Verurteilung leben kann. Und obwohl das erlösende Eingreifen Gottes für sein Volk in der Zeit des alten Israels geschah, und Jesus als Mensch ein Jude war, ist Gottes Gerechtigkeit, die im sühnenden Tod von Jesus offenbar wurde, als ein ewiger Plan zu verstehen, den Gott als seinen einen Willen für seine Schöpfung hat.
Man kann also sagen, dass auch die richtende Gerechtigkeit Gottes (die sich ja auch im Tod Jesu verwirklicht hat), immer den Heilsgedanken für sein Volk, aber auch für die ganze Schöpfung als Fundament hat. Gottes Gerechtigkeit erweist sich also in seiner Treue zu seinen Verheißungen. Gott verlangt aber auch Gehorsam seiner Gerechtigkeit gegenüber. Aber heißt das, dass man nun doch nur durch das Befolgen von Gesetzen seiner Gerechtigkeit gerecht wird?

Auf keinen Fall! Unser Gehorsam soll sich darin erfüllen, dass wir Gott vertrauen und glauben, dass er uns durch die Offenbarung seiner Gerechtigkeit in Jesus Christus für gerecht erklärt hat, uns die Sünden vergeben hat, und uns auch aus dem Gericht und Tod erretten wird. Wir sind also gehorsam, wenn wir uns der Gerechtigkeit Gottes unterwerfen und nicht mehr versuchen, durch eigene Taten gerecht vor Gott zu stehen. Denn damit würden wir Gottes Gerechtigkeit, die er uns geschenkt hat, für nichtig erklären. Wir können nur gerecht vor Gott sein, weil er uns aufgrund seiner Gerechtigkeit seine Gerechtigkeit geschenkt hat. Das nicht anzuerkennen würde Ungehorsam bedeuten.

Ich habe schon oft gehört, dass Menschen gesagt haben: "Ich weiß ja, dass Gott mir vergeben hat. Aber ich kann mir nicht vergeben." Dieser Satz mag ja demütig und voller Reue klingen, doch er bedeutet, dass man sich selbst für gerechter hält als Gott und Gott damit als ungerecht darstellt, nach dem Motto: "Gott vergibt mir zwar, aber ich, ich bin so gerecht, ich kann mir nicht vergeben." Das was demütig klingen mag, ist in Wirklichkeit eine Überhebung über Gott und damit, wie gesagt, Ungehorsam.

Unser Glaube ist gleichzusetzen mit dem Gehorsam, den Gott von uns verlangt. Nämlich das Aufgeben. Wir sollen uns nicht mehr auf uns verlassen, und dass wir durch irgendwelche Taten das Werk Christi vollenden könnten (es ist bereits vollendet, deshalb wäre es Zeitverschwendung). Stattdessen sollen wir uns darauf verlassen, dass wir durch die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes in Christus und nur durch das Anerkennen seiner Tat für unser Leben, diese Gerechtigkeit unser nennen können, in der wir völlig frei von aller Schuld vor Gott stehen können. Dieses Loslassen und das Annehmen unserer geschenkten Identität in Christus macht uns wirklich frei.
Jeder, der das Evangelium hört, kann hoffen, dass ihm das ewige Leben und die Gerechtsprechung in Christus, die Vergebung aller Sünden, frei angeboten wird und er all das auch frei erlangen kann.
Die Tatsache, dass wir in Christus von Gott durch unseren Glauben gerecht gesprochen worden sind, gibt uns die Zuversicht, dass Gott niemals von uns verlangen wird, die Strafe für unsere Sünden zu bezahlen. Natürlich muss man die natürlichen Konsequenzen seiner Sünden erleiden (wie z.B. Gefängnis etc.). Außerdem kann Gott uns immer noch erziehen (wir sind ja schließlich seine Kinder), wenn wir weiterhin ungehorsam sind, aber dies tut er nur aus Liebe und zu unserem eigenen Wohl. Wenn ich z.B. weiterhin versuche, aus eigenen Taten gerecht vor Gott da zustehen, oder ich mir selbst nicht vergeben kann (womit ich mich ja, wie gesagt, selbst gerechter darstelle als Gott) und meine Sünden damit nicht unter die Herrschaft Christi stelle, und ich mich dadurch weiterhin von der Macht der Sünde erdrücken lasse, dann bin ich ungehorsam. Ich erkenne in dem Moment nicht den Zustand der Gerechtigkeit an und verwerfe dadurch die Erlösungstat und Gerechtigkeit Gottes. Irgendwann kann es dann sein, dass man z.B. in einem Burnout landet, weil man sich so viel Last aufgeladen hat, die man eigentlich gehorsam an Gott hätte abgeben müssen, der seine Heilstat ja schon längst vollbracht hat. Das wäre eine liebevolle Erziehungstat Gottes, die zu unserem Wohl geschieht, denn manchmal muss man wortwörtlich am Boden der Tatsachen ankommen, um das zu erkennen, was Gott wirklich will. Nämlich eine tiefe Beziehung zu uns, in der nichts mehr zwischen uns steht.

Er kann uns also liebevoll erziehen, aber er kann und wird niemals mehr Rache an uns nehmen für vergangene, gegenwärtige, oder zukünftige Sünden. Er wird uns auch nie mehr die Strafe bezahlen lassen, die die Sünde mit sich ziehen würde, denn er hat sie schon längst selbst bezahlt. Er kann und wird uns auch niemals aus Zorn, oder mit der Absicht uns Schaden zuzufügen, bestrafen. Denn er hat die Strafe und seinen Zorn in seiner Gerechtigkeit auf sich selbst genommen. Es gibt keine Verdammnis mehr für die, die in Christus sind (Römer 8,1).

Die Offenbarung und Verwirklichung von Gottes Gerechtigkeit in Jesus Christus sollte in uns eine große Freude auslösen und Zuversicht vor Gott schenken, dass wir vollkommen von ihm angenommen worden sind, und dass wir auf ewig als 'nicht schuldig' und 'gerecht' in seine Gegenwart kommen und bleiben können. Egal was kommt. Gottes Gerechtigkeit übersteigt unser Verständnis von Gerechtigkeit. Uns bleibt nur die dankbare, entlastende Unterwerfung unter seine Gerechtigkeit und der befreiende Gehorsam in Bezug auf seine Gerechtigkeit, die er in dem Werk Jesu Christi offenbart und verwirklicht, und in dem er seinen Heilswillen für seine Schöpfung vollbracht hat.

Das mag jetzt alles vielleicht etwas viel auf einmal gewesen sein, doch ich wollte mal darstellen, was uns so oft daran hindert, die Gnade und damit die Gerechtigkeit anzunehmen, die Gott uns schenken will. Und dass es wirklich nicht sein muss, dass wir denken, wir müssten Gott beweisen, wie toll wir doch sind. Es ist natürlich schön, wenn wir ausleben, wie toll wir doch sind (weil Gott uns so toll gemacht hat). Aber nur in der Freude, dass Gott alles für uns gegeben und uns alles gegeben hat und nicht aus der Angst heraus, dass er uns irgendwie bestrafen oder ablehnen, oder enttäuscht von uns sein könnte.

Ich hoffe, dass du erkennen konntest, dass du keine Angst vor der "Gerechtigkeit Gottes" haben musst, sondern dass genau diese Gerechtigkeit dich frei gemacht und sogar gerecht gemacht hat. Ich hoffe, dass du Freiheit in deiner Beziehung mit Gott erfährst, da dir diese Freiheit geschenkt worden ist.
Als ich mich während des Studiums ein paar Tage lang mit dem Thema beschäftigt habe, sind viele Fragezeichen von mir abgefallen und ich habe eine innere Ruhe geschenkt bekommen, dass ich mich einfach in die liebevollen Arme Gottes legen konnte. Das war super. Ich wünsche mir, dass auch du dich ganz ruhig in den Arm Gottes kuscheln und einfach mal durchatmen kannst.