Warum musste Jesus sterben?

Ich denke, dass man die Gegenwart nur dann begreifen kann, wenn man sich anschaut und nachvollzieht, wie es überhaupt zu der Gegenwart kommen konnte. Daher möchte ich kurz und oberflächlich versuchen auf ein Thema einzugehen, das an sich sehr komplex aber auch ebenso einfach ist und mir in letzter Zeit ab und zu begegnet ist.

In Gesprächen kam schon manchmal die Frage auf, warum Jesus eigentlich sterben musste. Ist das nicht ziemlich barbarisch? Die Antwort, die meistens auf solch eine Frage folgt, ist die, dass Jesus für unsere Schuld sterben musste, damit wir frei von Schuld sind und zu Gott kommen können. Aber hätte Gott nicht einfach auf Strafe verzichten können? Er ist doch allmächtig und er stellt doch die Regeln auf, die überhaupt erst zu einem Schuldverhältnis führen. Wenn Gott für Sünde den Tod fordert, ist er dann nicht ein böser und bestrafender Gott, den man erst mit einem Opfer besänftigen muss? Ist das überhaupt fair und geht das überhaupt, dass jemand stellvertretend für einen anderen stirbt und damit eine fremde Schuld beseitigt?

Diese Vorstellung von Opfer und stellvertretender Sühne, also das stellvertretende Tragen der Konsequenz eigener Schuld, ist anders als damals in unserer heutigen, westlichen Kultur und Weltvorstellung in dieser Form nicht mehr vorhanden. Außer vielleicht durch den Spruch „Eltern haften für ihre Kinder“.
Der Wunsch nach Vergeltung und Gerechtigkeit ist zwar da, aber das soll auch nur die Schuldigen treffen – und immer sind die anderen Schuld. Wir wünschen uns so oft, dass Gott doch einfach das Böse vernichten soll, damit wir alle in Frieden leben können. Doch dabei vergessen wir, dass jeder Mensch von Grund auf böse Züge in sich trägt. Jesus sagt sogar, dass für Gott schon ein böser Gedanke über einen anderen so schlimm ist wie Mord – eine Tat, die den Tod des Mörders fordert. Ganz ehrlich, wer denkt nicht mal schlecht von einem anderen.
Wenn Gott also das Böse vernichten soll, müsste er den Menschen vernichten. Auch dich und mich. Das will er aber nicht, denn eigentlich will er eine Beziehung mit den Menschen haben. Und eigentlich dreht sich die große, übergreifende Geschichte der Bibel genau darum.

Gott hat den Menschen geschaffen, um mit ihm zusammen die Welt und das Leben zu gestalten und sich daran zu freuen. Damit der Mensch ein eigenständiges Gegenüber für Gott ist, hat der Mensch einen freien Willen. Diesen hat er aber benutzt, um Gott zu hintergehen, denn der Mensch hat Gott misstraut, dass dieser dem Menschen etwas vorenthalten würde.
Dieses tiefe Misstrauen Gott und auch anderen Menschen gegenüber hat sich im menschlichen Wesen verankert und hat die Beziehung des Menschen zu Gott (das Wertvollste, das es gibt), aber auch zu anderen Menschen und der Umwelt zerstört. Die Folge davon sind Egoismus, Streit, Mord, etc. – insgesamt auch als Sünde bezeichnet.

Gott aber ist heilig und gerecht. In anderen Worten ausgedrückt ist er komplette Reinheit – und da haben Flecken keinen Platz, sie sind unmöglich. Gott hat schon von Anfang an klargestellt, was die Folge der Sünde (sozusagen die Flecken) und die Strafe dafür ist – die Trennung von Gott und damit auch der Tod.
Damit der Mensch versteht, wie tiefgreifend die Folge seines bösen Handelns und Wesens ist, gab es das Opferprinzip. Ein sozusagen unschuldiges Tier musste stellvertretend für den Menschen sterben und der Mensch sollte anhand dieser Tatsache demütig vor den Folgen seiner eigenen Sünde werden, aber auch demütig und dankbar Gott gegenüber, dass er sozusagen ein Auge zudrückt und der „Preis der Schuld“, nämlich der Tod, stellvertretend durch ein unschuldiges Lamm beglichen wurde. Das sollte den Menschen dazu bewegen, zu Gott umzukehren.

Doch der Mensch hat das Bewusstsein dafür verloren. Das Opfer war irgendwann nur noch eine leere Tradition – was man halt so macht. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch konnte nicht wiederhergestellt werden, weil der Mensch sich seiner Schuld und auch dem Preis seiner Schuld nicht mehr bewusst war. Eigentlich ist es immer noch der Mensch, der als Schuldiger sterben muss. Aber weil Gottes Ziel ja nach wie vor eine Beziehung zu den Menschen ist und nicht deren Vernichtung, musste er selbst das Problem lösen. Und da kommt Jesus ins Spiel. Er kommt als Mensch in diese Welt und wird das stellvertretende Opfer. Jesus ist sozusagen der ultimative Fleckenentferner, der die Flecken entfernt, die es unmöglich machen, in der Gegenwart Gottes zu sein. Und er bleibt auch ein lebenslanger Fleckenschutz.

Jesus musste sterben, weil der Preis der menschlichen Schuld eben genau so „teuer“ ist. Würde Gott den „Preis“ der Schuld einfach wegmachen, wäre Schuld nichts mehr wert, also nicht mehr schlimm, aber Gnade wäre auch nichts mehr wert. Dann würden die „Flecken“ halt einfach da sein, die es aber unmöglich machen in der „Fleckenlosigkeit“ Gottes zu sein. Es würde keine Beziehung mehr zwischen Gott und Mensch geben können. Die Konsequenz des „Preiserlasses“ wäre eine Gleichgültigkeit Gottes dem Menschen gegenüber, weil dann nämlich auch keine Beziehung mehr zu ihm möglich wäre.

In der Kindererziehung ist es wichtig, dass das Kind Grenzen bekommt und auch die Konsequenzen dieser Grenzüberschreitung lernt und erfährt. Wenn das Kind kein Bewusstsein für Konsequenzen lernt, ist es auch nicht in der Lage, sich über die Konsequenzen und auch den Wert seines eigenen Handelns und den Wert der Grenzen bewusst zu werden. Es muss sozusagen ein Kausalitätsbewusstsein entwickeln. Wenn man also einem Kind liebevoll erklärt, wo es falsch gehandelt hat und auch die Konsequenzen aufzeigt und nachvollziehbar macht, dann zeigt das auch, dass das Kind, dessen Entwicklung und Handeln den Eltern nicht gleichgültig ist.

Genauso (natürlich in einer anderen und krasseren Dimension) ist Gott uns gegenüber nicht gleichgültig. Er nimmt das Hindernis, das die Beziehung zwischen ihm und uns hindert, sehr ernst. Und das ist die Sünde.
An Jesus können wir sehen, wie hoch eigentlich der Preis ist, den wir zahlen müssten, wie krass die Konsequenz ist, die die ganze Menschheit zahlen müsste. Das sollte eigentlich ein Kausalitätsbewusstsein im Menschen bewirken, dass die Konsequenz des eigenen Handelns und der eigenen innewohnenden Boshaftigkeit der Tod ist. Aber diese Konsequenz wurde von Gott selbst bezahlt, indem Jesus Mensch wurde und stellvertretend sozusagen als Opferlamm gestorben ist. Mit dem Unterschied, dass er als Mensch diesmal wirklich die Schuld der Menschheit bezahlen konnte und Gott in ihm das Gericht über den Menschen an sich selbst vollzogen hat.
Deshalb sagt Jesus, dass er der einzige Weg zum Vater ist, weil man bildlich gesehen eben nur durch die Schranke kommt, wenn man bezahlt hat. Wir dürfen uns auf Jesus berufen, der für uns bezahlt hat und kommen ohne selbst zu bezahlen durch die Schranke. Das ist super!

Aber nur weil für uns bezahlt wurde, sollten wir dem „Preis“ gegenüber, der für uns gezahlt wurde, nicht gleichgültig sein. Damit würden wir den Preis der Schuld aber auch den Wert der Gnade gleichzeitig entwerten. Jesus lädt uns ein, die nun mögliche Beziehung zu Gott anzunehmen und darauf einzugehen. Jesus möchte höchstpersönlich mit uns zusammen leben und uns zeigen, wie er sich ein Leben vorstellt. Das einzige was wir dazu tun müssen, ist ihn Herr in unserem Leben sein zu lassen.
Dazu gehört auch uns von ihm korrigieren zu lassen, aber auch unsere tiefsten Verletzungen und Ängste hinzulegen. Ein Leben mit Jesus ist nicht immer einfach, denn wir geben ihm unter anderem das Recht, in unserem Leben aufzuräumen (was auch mitunter schmerzhaft sein kann, weil unterdrückte Dinge an die Oberfläche geholt werden) und uns zu erziehen (indem er uns unter anderem falsche Gewohnheiten, Gedanken, Verhaltensweisen aber auch die Lösung für Probleme aufzeigt). Aber alles in einer befreienden Liebe, die uns mit Gott und uns selbst ins „Reine“ kommen lässt.
Es ist eine spannende Reise, denn das wirklich Wertvollste im Leben ist die Erlösung, die wir durch Jesus bekommen haben und die wir auch schon jetzt in der Beziehung zu ihm erfahren können.

Ich hoffe, dass dieser kurze Versuch einer Erklärung dir weiterhelfen konnte, falls du dir auch schonmal die Fragen gestellt hast, die am Anfang standen. Falls bei dir jetzt noch mehr Fragen aufgekommen sein sollten, dann schreibe sie doch gern als Kommentar oder in einer E-Mail an servus@keineinsamerbaum.org.

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